Diva der Niederlage

Tennessee Williams «Endstation Sehnsucht» am Anhaltischen Theater Dessau

Theater heute - Logo

Auf der Bühne dreht sich ein Sandhaufen mit drei weißen Monoblockstühlen, darüber kreist eine gigantische orangene Sonne aus Scheinwerfern unter Pergamenthaut (Bühne Sabine Mäder). Könnte irgendwo in der Wüste sein oder in provinzieller Einöde, vielleicht sogar ganz in der Nähe. Eine Frau, eindeutig overdressed im cremefarbenen Kleid mit hoher Taille und langem Rock, betritt die Riesenbühne des An -haltischen Theaters, zwei Alukoffer in der Hand, was in der Rollkoffer-Ära leicht irritiert.

Nicht zuletzt, weil Regisseurin Mizgin Bilmen Tennessee Williams’ Drama um eine «gefallene» Südstaatenschönheit sonst ganz selbstverständlich in eine unbestimmte Gegenwart mit leichten Anklängen eines 1950er-Jahre-Retroschicks transferiert.

Mirjana Milosavljevic, seit 2016/17 festes Ensemblemitglied in Dessau, spielt Blanche Du-Bois, und sie scheint, bis hin zu einer ungemein natürlich wirkenden leichten Künstlichkeit, die perfekte Besetzung für diese feine Dame im freien Fall. Es dauert eine Weile, bis man sich wie Stella und ihr Mann Stan Kowalski an den stets appetitlich zurechtgemachten Besuch gewöhnt hat – etwas an ihr wirkt aufgesetzt, die Stimme immer einen Tick erhoben, die tadellos ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 4 2023
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Eva Behrendt

Weitere Beiträge
Im Wohlfühlzauber

Warum nicht einmal etwas leicht machen? Wo ohnehin alles schon schwer genug ist. Ausgerechnet die Münchner Kammerspiele, die sich sonst gern aller kursierender Probleme annehmen, verheißen das, indem sie das Urdrama eines unauflöslichen Konflikts in sogenannte «Leichte Sprache» übertragen lassen, von einer Übersetzerin, die, welch ein Omen, auch noch den schönen...

Teenage Dirtbags

Robert Musils knapper Roman «Die Wirrungen des Zöglings Törleß» von 1906, sein einziger literarischer Erfolg zu Lebzeiten, landet derzeit des Öfteren auf deutschen Bühnen. Offenbar ist die dargestellte geistig-seelische Entwicklung des sensiblen Schülers Törleß in einem Elite-Internat fern der Stadt nach wie vor interessant, wird Törleß dort doch mit den...

Familienszenen

Das Persönliche aufschreiben, um es zu etwas Allgemeinem zu machen: «... dass meine Existenz im Kopf und Leben der anderen aufgeht.» So erklärt Annie Ernaux in «Das Ereignis», warum sie sich 1999 daran machte, ihre Abtreibung als junge Frau knapp 40 Jahre zuvor schreibend zu rekonstruieren. 1963 war eine Schwangerschaftsunterbrechung in Frankreich ein Verbrechen;...