Diva der Niederlage
Auf der Bühne dreht sich ein Sandhaufen mit drei weißen Monoblockstühlen, darüber kreist eine gigantische orangene Sonne aus Scheinwerfern unter Pergamenthaut (Bühne Sabine Mäder). Könnte irgendwo in der Wüste sein oder in provinzieller Einöde, vielleicht sogar ganz in der Nähe. Eine Frau, eindeutig overdressed im cremefarbenen Kleid mit hoher Taille und langem Rock, betritt die Riesenbühne des An -haltischen Theaters, zwei Alukoffer in der Hand, was in der Rollkoffer-Ära leicht irritiert.
Nicht zuletzt, weil Regisseurin Mizgin Bilmen Tennessee Williams’ Drama um eine «gefallene» Südstaatenschönheit sonst ganz selbstverständlich in eine unbestimmte Gegenwart mit leichten Anklängen eines 1950er-Jahre-Retroschicks transferiert.
Mirjana Milosavljevic, seit 2016/17 festes Ensemblemitglied in Dessau, spielt Blanche Du-Bois, und sie scheint, bis hin zu einer ungemein natürlich wirkenden leichten Künstlichkeit, die perfekte Besetzung für diese feine Dame im freien Fall. Es dauert eine Weile, bis man sich wie Stella und ihr Mann Stan Kowalski an den stets appetitlich zurechtgemachten Besuch gewöhnt hat – etwas an ihr wirkt aufgesetzt, die Stimme immer einen Tick erhoben, die tadellos ...
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Theater heute 4 2023
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Eva Behrendt
Gerade fuhr der elfjährige Renat noch mit dem Skateboard auf der Bühne herum. Nun hält ihn eine fremde Frau an der Hand und erzählt vorne am Bühnenrand, dass sein Onkel vor wenigen Tagen im Ukraine-Krieg gefallen ist. Dass seine Mutter Marta gerade nach Irpin zurückgefahren ist, um ihn zu beerdigen. Nein, nein, das können wir so nicht machen, ruft die musikalische...
Am Anfang war die Sehnsucht. Carla Wierer, Freiburgerin, Abitur frisch in der Tasche, packt die Koffer und reist nach Peru. Fernweh hieß das früher, ein beinahe ausgestorbenes Lebensgefühl aus Zeiten, als es noch utopisch war, dass 19-Jährige mal eben ein Praktikum an der Südpazifikküste einfädeln könnten.
Carla Wierer konnte es. Das war 2009. Sie dockt beim...
Auf der Bühne stehen schwarze Stühle, auf die sich beim Einlass nach und nach Personen in schicker blaugrüner Abendkleidung setzen, elegant ihre Beine übereinanderschlagen, den Blick ins Publikum gerichtet. Doch über ihren Köpfen tragen sie weiße Stoffmasken, über ihren Körpern weiße Anzüge wie eine zweite Haut: Es ist eine anonyme, gespenstische Versammlung, die...
