Diva der Niederlage
Auf der Bühne dreht sich ein Sandhaufen mit drei weißen Monoblockstühlen, darüber kreist eine gigantische orangene Sonne aus Scheinwerfern unter Pergamenthaut (Bühne Sabine Mäder). Könnte irgendwo in der Wüste sein oder in provinzieller Einöde, vielleicht sogar ganz in der Nähe. Eine Frau, eindeutig overdressed im cremefarbenen Kleid mit hoher Taille und langem Rock, betritt die Riesenbühne des An -haltischen Theaters, zwei Alukoffer in der Hand, was in der Rollkoffer-Ära leicht irritiert.
Nicht zuletzt, weil Regisseurin Mizgin Bilmen Tennessee Williams’ Drama um eine «gefallene» Südstaatenschönheit sonst ganz selbstverständlich in eine unbestimmte Gegenwart mit leichten Anklängen eines 1950er-Jahre-Retroschicks transferiert.
Mirjana Milosavljevic, seit 2016/17 festes Ensemblemitglied in Dessau, spielt Blanche Du-Bois, und sie scheint, bis hin zu einer ungemein natürlich wirkenden leichten Künstlichkeit, die perfekte Besetzung für diese feine Dame im freien Fall. Es dauert eine Weile, bis man sich wie Stella und ihr Mann Stan Kowalski an den stets appetitlich zurechtgemachten Besuch gewöhnt hat – etwas an ihr wirkt aufgesetzt, die Stimme immer einen Tick erhoben, die tadellos ...
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Theater heute 4 2023
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Eva Behrendt
Istanbul in den 1990ern. Ein Mann steht in seiner neuen Wohnung und stellt sich vor, wie sehr sich seine Frau und die vier Kinder freuen werden, wenn sie sie zum ersten Mal zu sehen bekommen. Er hat jahrzehntelang als Arbeitsmigrant in Deutschland geschuftet, um sich die Eigentumswohnung leisten zu können. Doch bevor er sie vorzeigen kann, stirbt er an einem...
«Hier hat sich Schuld in Schuld verbissen.» Hunnenkönig Etzel (Nahuel Häfliger) ist in seinem schicken Anzug gegen Ende schon beinahe nachsichtig mit seinen barbarischen Neu-Familienmitgliedern, die doch gerade erst seinen Sohn erdolcht haben. Dass Häfliger zugleich den Siegfried in diesen «Nibelungen» spielt, gibt dem Ganzen nur noch mehr Größe. Denn diese liegt...
Gewalt ist doch eine Lösung. Für Hendrik, Tino, Pavel und die anderen. Für die Jugendlichen, die in Stralsund im von Plattenbauten dominierten Stadtteil Knieper West großwerden. In den Überresten der DDR. In den so genannten Nullerjahren. «Nullerjahre», so heißt das Buch, das Hendrik Bolz über sein Aufwachsen geschrieben hat. Ein «Debütroman» wird es manchmal...
