Un/mögliche Institutionen wagen
In den letzten Jahren hat sich der Gegenstand postkolonialer Kritik in den darstellenden Künsten von der Vorder- auf die Hinterbühne erweitert. 2019 reicht es hierzulande nicht mehr aus, ein Stück, eine Performance, ein Panel oder ein Festival zu rassismuskritischen oder postkolonialen Inhalten zu veranstalten, ohne die inhärente Kolonialität der eigenen Produktionsbedingungen und Institutionen zu adressieren.
Dies ist vor allem das Verdienst verschiedener rassismuskritischer Aktivist*innen, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen of Color und ihrer weißen Mitstreiter*innen, die durch Debatten und Skandalisierungen weiße Dominanz an Institutionen der Kunst, Kultur und Bildung immer wieder herausfordern und intersektional mit sozialen Kämpfen um Klasse, Gender, Feminismus und Inklusion verbinden. Die Zeit, in der rassifizierte Körper von einem weißen bürgerlichen Publikum zum Distinktionsgewinn konsumiert werden konnten, scheint vorbei beziehungsweise nur noch im Tandem mit besagter Selbstreflexion möglich zu sein.
Die künstlerischen Leiter*innen der Black Boxes und Guckkastenbühnen finden sich nun inmitten eines Paradigmenwechsels wieder: Die Institutionen, die ehemals bürgerliche ...
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Theater heute Jahrbuch 2019
Rubrik: Neues Stadttheater, Seite 80
von Elisa Liepsch und Julian Warner
Man liest und hört manchmal Dinge, die einem sofort sehr einleuchten, flüchtige Spontan-Wahrheiten, an die man sich für immer erinnern möchte – und die man in der nächsten Minute aber schon spurlos vergessen hat. Dann vergehen Jahre, und plötzlich, im passendsten oder unpassendsten Moment, erinnert man sich an den flüchtigen Rest eines vor Jahren geführten...
In dem von Aristophanes 411 v. Chr. uraufgeführten Stück «Lysistrata» wird der Krieg zwischen Sparta und Athen zum Kampf der Geschlechter. Um den Frieden zu erzwingen, starten die Frauen hinter der Frontlinie einen Vergeltungsschlag auf Krieg und Patriarchat. Sie ziehen alle Register weiblicher Verführungskunst und quälen die Männer durch Enthaltsamkeit – und...
Und stockt kurz sie, die Wutentbrannte, stockt, um ihrem Gegenüber die schlimmste Beschimpfung an den Kopf zu werfen, die ihr einfallen konnte: «Du Künstler!», krächzt die aufgebrachte Passantin Christoph Schlingensief bei der Aktion «Ausländer raus!» entgegen. Mittlerweile ist es fast 20 Jahre her, dass Schlingensief mit seinen Containern vor der Wiener Staatsoper...
