Theatrale Ausnahmezustände
Und natürlich könnte ich hier jetzt mit großer Geste die Utopie eines Theaters des Verzichts proklamieren. Was braucht es denn mehr als die paar Bretter, die die Welt bedeuten, und ein paar Leute, zur Not auch Lai:innen, die sich da rauf stellen, um uns hier unten zu belustigen. Wir packen ein paar Kostüme auf den Leiterwagen und ziehen los, ganz wie in alten Zeiten. Ja … naja. Die Wahrheit ist, je länger ich darüber nachdenke, was man denn weglassen könnte, ohne dass dabei zu viel des Ganzen verloren geht, desto mehr komme ich drauf, dass ich auf nichts verzichten will.
Nicht auf das Licht oder den Ton, nicht auf den Samtvorhang oder die Kantine, nicht auf die Kostümschneide -reien oder den Jugendklub, nicht auf die Marketingabteilung oder die Mettbrötchen, nicht auf die Probebühne oder das Klopersonal, nicht auf den Kristallluster oder die Kompar -serie. Das alles ist unverzichtbar. Das alles ist Teil dieses herrlich verschwenderischen Akts, den wir Theater nennen. Das Theater verzichtet einfach nicht gern. Obwohl es den Mangel liebt, das Fehlen, ja sogar den Hunger. Aber aus freien Stücken zu verzichten? Nein danke. Der Verzicht als die Positivierung dieses Mangels, als ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Verzicht, Seite 70
von Ferdinand Schmal
Wir muten uns dem Planeten, der Natur, allen anderen Lebewesen so gnadenlos zu, dass ein persönlicher Verzicht eigentlich gar keine Kategorie mehr sein kann. Wir greifen nach immer mehr, wollen immer mehr Macht in allen Bereichen. Wir richten uns in immer höheren Ansprüchen ein, deren minimale Reduzierung uns dann schon als Opfer erscheint. Wirklicher Verzicht...
Meine persönliche CO2-Klimabilanz ist eigentlich ziemlich gut: Ich fliege fast nie, fahre seit Jahren bei Wind und Wetter mit dem Rad zum Theater und unternehme alle Dienstreisen mit der Bahn. Unser Vier-Personen-Haushalt hat inzwischen einen Energieverbrauch eines durchschnitt -lichen Ein-Personen-Haushalts, unsere Lebensmittel sind größtenteils «Bio». So weit, so...
Wir fliegen nicht oder kaum mehr. Kurator:innen als Jetsets der Kunstszene haben ausgedient. Wir optimieren unsere Reisen, halten Besprechungen meist per Zoom ab und achten auf unsere persönliche CO2-Bilanz. Der ICE, der TGV oder der Girundo sind zu unseren ruhigsten Büroräumen geworden. Der Speisewagen serviert inzwischen auch vegane Kost. Mein Lieblingsessen:...
