Theatrale Ausnahmezustände
Und natürlich könnte ich hier jetzt mit großer Geste die Utopie eines Theaters des Verzichts proklamieren. Was braucht es denn mehr als die paar Bretter, die die Welt bedeuten, und ein paar Leute, zur Not auch Lai:innen, die sich da rauf stellen, um uns hier unten zu belustigen. Wir packen ein paar Kostüme auf den Leiterwagen und ziehen los, ganz wie in alten Zeiten. Ja … naja. Die Wahrheit ist, je länger ich darüber nachdenke, was man denn weglassen könnte, ohne dass dabei zu viel des Ganzen verloren geht, desto mehr komme ich drauf, dass ich auf nichts verzichten will.
Nicht auf das Licht oder den Ton, nicht auf den Samtvorhang oder die Kantine, nicht auf die Kostümschneide -reien oder den Jugendklub, nicht auf die Marketingabteilung oder die Mettbrötchen, nicht auf die Probebühne oder das Klopersonal, nicht auf den Kristallluster oder die Kompar -serie. Das alles ist unverzichtbar. Das alles ist Teil dieses herrlich verschwenderischen Akts, den wir Theater nennen. Das Theater verzichtet einfach nicht gern. Obwohl es den Mangel liebt, das Fehlen, ja sogar den Hunger. Aber aus freien Stücken zu verzichten? Nein danke. Der Verzicht als die Positivierung dieses Mangels, als ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Verzicht, Seite 70
von Ferdinand Schmal
Ich verzichte auf: Unnötige Autofahrten – außer Eishockeytaschen und Eishockeyspieler müssen transportiert werden, scheint das sehr gut aufzugehen. Manchmal wäre es hilfreich, wenn die Bahn nicht so willkürlich geworden wäre, dass man manchmal einfach in Darmstadt oder Basel Bad so mir nichts dir nichts nachts gestrandet wäre … «Nein, also das nächste Mal fahre ich...
Ein Nicht-Ort: eine trostlose Haltestelle, eine kaputte Ampel und ein heruntergekommener Imbiss. Natürlich mit Nieselregen. Eine beliebige Kreuzung in einer beliebigen Stadt wie, sagen wir mal, Oberhausen. Nirgendwo und überall zugleich.
Im Imbiss sitzen die drei Frauen* Luca, Carla und Linn, die sich im Maschinenraum der Psyche oder auch dem Kraftcenter der Krise...
Jedes Kind kennt Ödipus. Der bekannteste Vatermörder, Mutterliebhaber und Rätsel -löser aller Zeiten wird seit jeher in den unterschiedlichsten Disziplinen mit einem Höchstmaß an interpretatorischer und künstlerischer Aufmerksamkeit bedacht. Doch nicht so seine Eltern Laios und Iokaste. Insbesondere der Vater Laios, der in der Tragödie «Ödipus Tyrannos» von...
