Der Schein und die Leere
In ihrem berühmten Essay «Anmerkungen zu Camp» schreibt Susan Sontag 1964, dass die wesentlichen Merkmale von «Camp» die Liebe zur Künstlichkeit, zum Artifiziellen und zur Übertreibung sind. «Camp» ist für Susan Sontag das Gefühl für eine bestimmte Ästhetik, etwas, das mit «kitschig» oder «affektiert» nur unzureichend zu übersetzen ist.
Für Sontag ist «Camp» der Triumph des Stils über den Inhalt, des Ästhetischen über das Moralische und Ausdruck einer frivolen Ernsthaftigkeit, die sich auf der einen Seite zwar gediegen und elitär gibt, um auf der anderen Seite nicht weniger subversiv und spielerisch auf die gängigen gesellschaftlichen Erwartungen zu reagieren und damit die Hierarchien des Geschmacks auf den Kopf zu stellen.
Für den Autor Alexander Eisenach ist der 2005 verstorbene Modemacher und Paradiesvogel Rudolph Moshammer ein Paradebeispiel für ‹Camp›. «Man sollte entweder ein Kunstwerk sein oder ein Kunstwerk tragen», schrieb Oscar Wilde, dem Sontag ihren Essay widmete und dessen Bonmot die öffentliche Selbstinszenierung Rudolph Moshammers als «Camp» vielleicht am markantesten auf den Punkt bringt. Seine Auftritte mit Mutter Else und Hundedame Daisy im Rolls Royce, dazu die ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Neue Stücke, Seite 144
von Michael Billenkamp
Oh nein – ich bin zu spät dran. Ich wollte diesen Text am Erdüberlastungstag 2023 schreiben. Am «Earth Overshoot Day», wie er so schön heißt. Dem Tag, an dem alle verfügbaren natürlichen Ressourcen für ein ganzes Jahr aufgebraucht sind. Letztes Jahr – so erinnerte ich mich – fiel er in Deutschland auf Ende Juli; dass er sich 2023 auf Anfang Mai vorverschoben hat,...
Die frühen Jahre
Ausgesetzt In einer Barke von Nacht
Trieb ich
Und trieb an ein Ufer.
An Wolken lehnte ich gegen den Regen.
An Sandhügel gegen den wütenden Wind.
Auf nichts war Verlaß.
Nur auf Wunder.
Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht,
Trank von dem Wasser das dürsten macht.
Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen,
Fror ich mich durch die finsteren...
Eine Bugwelle postpandemischer Theatervorhaben flutet seit Monaten die Sitzungen der Fördergremien des Freien Theaters in Deutschland. Die gute Nachricht lautet: Die performativen Künste haben die Coronakrise überlebt. Klug gestrickte Hilfsprogramme des Bundes und der Länder haben viele Theaterschaffende unterstützt, die nicht durch stabile Strukturen in Stadt- und...
