Die verschleierte Diva
Wie hießen nochmal diese Schwebeteilchen in der Luft? Aurosole? Oder das, was die Schweden gegen das Virus gemacht haben? Hordenimmunität? Fast so fern, wie mancher Fachbegriff aus der Lockdownzeit vielen Menschen scheinen mag, wirkt bereits die letztjährige Relevanz-Panik zum postpandemischen «Publikumsschwund». Von der befürchteten Herdenimmunität gegenüber Kulturangeboten, die 2022 die Schlagzeilen bestimmte, ist 2023 kaum etwas übrig.
«Der Deutsche Bühnenverein meldet bundesweit eine Auslastung von wieder bis zu 80 Prozent», steht jetzt genau dort geschrieben, wo es im Vorjahr noch hieß: «Theater, Orchester und Oper stecken in der größten Krise seit 1945. Ein Blick auf die Realität reicht, um zu verstehen, dass viele Häuser den Überlebenskampf kaum noch gewinnen können, wenn nicht ein Wunder passiert.»
Diese Gegenüberstellung einer aktuellen Theaterumfrage zu einem typischen Feuilletonartikel der unmittelbaren Post-Covid-Zeit zeigt vor allem eins: Die raunenden Propheten eines Epochenbruchs lagen alle falsch. Dass viele Menschen nach der langen Angst- und Sorgezeit einer unsichtbaren Ansteckungskrankheit nicht in die öffentlichen Räume zurückströmten wie Herden in den Stall, ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Knappheit - alles auf Kante, Seite 18
von Till Briegleb
Wenn du mit mir reden könntest, was würdest du sagen?», fragt Nicola ihren Freund Christof zu Beginn des Stücks. Christof ist Anfang Zwanzig, an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt und liegt im Sterben. Ein letztes Mal möchte Nicola mit ihm einen Tag verbringen – so wie früher, als er noch gesund war. Sie nimmt ihn mit auf eine imaginäre Reise an jene Orte, die ihnen...
Die Gier nach Leben, die Gier nach Liebe, Selbstzerstörung, sich einer Welt des Sanften und des Gewaltvollen auszusetzen, der Wärme und der Kälte – Sarah Kanes «Gier» umkreist in vielen Stimmen eine Leerstelle: das Ich. In Christopher Rüpings Zürcher Inszenierung repräsentiert die Projektion von Wiebke Mollenhauers Gesicht diese Leerstelle und verschiebt sie auf...
Das Paradies ist uns abhanden gekommen. Es gehört uns nicht (mehr). Folgen wir dem mythologischen Fußabdruck, ist die Menschheit – seit der Vertreibung Adams und Evas aufgrund entwickelten Bewusstseins – quasi pausenlos auf der Suche nach Unterwerfung, Beheimatung und Besitz. Sesshaftigkeit bildete die direkte Achse zum Wohneigentum, zur Inbesitznahme von Pflanzen,...
