Verzerrung der Wahrnehmung
Etwas sträubt sich in uns gegen die öffentliche Rede vom persönlichen Verzicht. Es erinnert an Kardinaltugenden, an die Mäßigung, die Platon insbesondere dem unteren Stand verordnet. (Die oberen Stände dürfen sich um Weisheit und Tapferkeit kümmern.
) Soll wirklich jede:r bei sich selbst anfangen? Ist die Rede vom individuellen Verzicht nicht der unpolitische Rückzug, nachdem Enteignung, Systemwechsel und Um -verteilung ausgeschlossen wurden? Die Kehrseite des neoliberalen Mythos von der indi -viduellen Verantwortung? Oder vielmehr seine Vorderseite: also die, auf der geschrieben steht, dass das Politische eigentlich privat ist? Nichts gegen den Versuch, sich individuell einzuschränken! Im Alltag unserer Kompanie und innerhalb der Produktionsbedingungen der Freien Szene ist das freiwillige Verzichten allerdings kaum vom notwendigen Sparen zu unterscheiden. Und es wäre inte -ressant zu klären, wie sicher oder prekär die Position ist, aus der wir einander vom Ver -zichten erzählen.
Aber selbst wenn wir mit Geld und Privilegien und Sicherheit alle gleichmäßig versorgt wären – auf die freiwillige Einzelleistung im Verzichten würden wir nicht bauen wollen. Dazu ist die Sache zu wichtig. ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Verzicht, Seite 71
von She She Pop
Verzicht als Praxis setzt Besitz als Tatsache voraus. Falls es eine einzige Regel gibt, die grundsätzlich stimmt: Je mehr jemand besitzt, desto größer sein ökologischer Fußabdruck. Besitz an Wohneigentum heißt zum Beispiel, dass man ihn beheizen muss. Besitz an Netzwerken bedeutet, dass man sie pflegen muss – indem man reist, viel reist. Logisch betrachtet gibt es...
Seit Jahrhunderten verzichten Frauen*. Sie verzichten auf ihre Karrieren, auf ihr Essen, auf ihre Selbstbestimmung, ihr Geld, ihre Freiheiten, ihren Orgasmus. Sie verzichten, weil sie müssen, weil es ihnen von außen aufgetragen wird. Damit das Ungleichgewicht im Gleichgewicht bleibt. Damit das Patriarchat florieren und sich seine Säulen tiefer in die Erde...
Die Frage nach Verzicht in der Kunst, im Theater ist äußerst vielschichtig. Das Problem lässt sich hier nicht erschöpfend behandeln. Theater kann viele exzessive Facetten haben und sich dadurch der Gegenwart mit ihrem Fokus auf (neo -liberales) Effizienzdenken, soziale Verantwortung und ökologische Ethik widersetzen. Dass es gegen die Zeit steht, ist schon...
