Terror im System
Am Rad morgens an der Ampel, eng im Pulk der Wartenden, der Fußgänger, neben einer Frau, die ruhig und breit, und komplett a-rezeptiv da steht, nichts von dem bemerkt, was um sie herum vorgeht, denn natürlich hat sie ihre Welt abpanzernden Privatsendungsstöpsel im Ohr, hört nichts, merkt nichts, ist als Taube von sich selbst beschallt, ganz allein in ihrem Eigenraum, der totale Irrsinn, in dem dreiviertel der Leute sich morgens durch die dicht bepackte Stadt bewegen, und wie ich neben ihr stehe (…) meldet der Hirn interne Satzautomat, der auf die Szene reagiert und sie zusammenfasst:
Mit Wachheit ist nicht zu rechnen.»
Mit dieser Empfindung gegenüber den Gepflogenheiten metropolitaner Zeitgenossen trat Rainald Goetz 2012 seine Heiner-Müller-Gastprofessur an. Goetz’ Beschreibung ist die eines hochempfindsamen Menschen, eines Außen -stehend-Involvierten, eines asozial Sozialen, dessen feinstoffliche Sensoren unmittelbar verbunden sind mit den ihn umgebenden Erscheinungsformen der gegenwärtigen Welt. Der Autor als Membran, an der sich der Sound der Gegenwart manifestiert. Die Szene aus dem Berliner Alltag des Autors steht exemplarisch für ein Schreibverfahren, das seit seinem ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Neue Stücke, Seite 149
von Daniel Richter
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