Stuttgart: Unten und oben
Breitbeinig steht er da, dünn, blass. «Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht», sagt er tonlos zu sich selbst. Ein schmalbrüstiger Jüngling ist Woyzeck in Zino Weys Stuttgarter Inszenierung von Georg Büchners gleichnamigem Sozialdrama. Sylvana Krappatsch spielt den Multijobber geradezu autistisch, lehnt sich steifhalsig schräg nach hinten, wenn jemand zu ihm spricht. Wäre Krappatschs Woyzeck in eine stringente, plausible Inszenierung eingebunden, würde sich das eine zum anderen fügen.
So aber bleibt ihre Schauspielkunst ein singulärer Aspekt des Abends.
Denn was Zino Wey fehlt, ist eine stimmige übergeordnete Idee. Alles bleibt vage, beliebig. Allein schon die zeitliche Verortung: Woyzecks Geliebte Marie trägt ein T-Shirt mit Calvin-Klein-Aufdruck. Die Jahrmarktschreierin (Gabriele Hintermaier) aber erscheint in schniekem 1920er-Jahre-Conferencier-Outfit. Die zunächst rabenschwarze leere Bühne des Schauspielhauses wird später illuminiert durch ein riesiges Netz akkurat angeordneter Glühlämpchen, in dem sich die Menschen zuweilen verfangen, das aber bunt blinkend auch flugs mal das Innenleben einer Disco andeuten kann – etwa wenn Marie dort exaltiert ...
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Theater heute März 2020
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Verena Großkreutz
Es ist nicht wichtig, der Stärkere zu sein, sondern der Lebendige», heißt es in Brechts wildem Frühwerk «Im Dickicht der Städte» (uraufgeführt im Mai 1923 am Münchner Residenztheater), nachdem bereits zehn Runden lang ein Kampf ohne Grund und Gnade zwischen zwei Männern ausgetragen wurde, die nichts verbindet als eine seltsame Sucht, «Fühlung zu bekommen» mit sich...
Die einzige Profischauspielerin im Team, Hanna (Werth), gibt gleich zu Beginn den Problemtakt vor: «49 Prozent der Deutschen geben an, dass in ihrer Familie der Nationalsozialismus abgelehnt worden wäre. Niemand möchte gerne Nazis in der Familie haben.» Schon klar, aber: «Irgendjemand muss es gewesen sein. Hitler hat sich ja nicht selbst vom Straßenrand aus...
Es gibt eine ziemlich beeindruckende «Hamlet»-Tradition am Hamburger Thalia Theater. Alleine während der vergangenen 20 Jahre zeigten Jürgen Kruse, Michael Thalheimer und Luk Perceval recht heterogene Inszenierungen des kanonischsten aller Shakespeare-Dramen am Haus; in Percevals getragener 2010er-Arbeit doppelten Josef Ostendorf und Jörg Pohl den Titelhelden,...
