Strukturell tödlich
Ob sie das immer macht, wenn sie alleine ist? Oder ist es ein Spleen aus den langen einsamen Wochen des Lockdowns? Die Bühne im Bochumer Schauspielhaus hat sich verselbständigt. Minutenlang spielt sie ganz allein und in Perfektion: Schwere Bühnenzüge gleiten mit angeberischer Leichtigkeit auf und ab, formieren sich zu Rahmen, Treppen, endlosen schwarzen Ebenen, rätselhaften Industriestrukturen. Die Scheinwerfer spielen mit blendendem Licht, die Windmaschine schneidet Nebelschwaden, Laserstrahlen zeichnen Bilder in die Luft, dazu dräuen schwere Orgelklänge.
Ein Maschinenwunderwerk, das sich selbst genügt.
Diese Perfektion kann das neunköpfige, sektenhaft rot gekleidete Ensemble nicht erreichen, soll es auch nicht. Einerseits ist Johan Simons’ coronatrotzigem Saisonabschluss «Die Befristeten» die verkürzte Probenzeit und der Kampf mit den neuen Hygieneauflagen anzumerken. Andererseits passt das stellenweise planlos wirkenden Spiel gut zu einer Menschheit, die so hohl ist wie das System, in das sie der Dramatiker Elias Canetti 1952 gesetzt hat. Ihr Sein und Bewusstsein sind davon bestimmt, dass alle den Zeitpunkt ihres Todes kennen: Wer den Namen 88 trägt, wird 88 Jahre alt, wer 20 ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Cornelia Fiedler
Zynisch. Vor etwas über einem Jahr verabschiedeten sich Gob Squad mit «I Love You, Goodbye (The digital detox edition)» symbolisch vom Internet, ließen das Publikum im Düsseldorfer FFT eine Nacht lang spüren, wie es ist, auf ständige Erreichbarkeit zu verzichten, auf Internet, Handy und Apps. Erkenntnis: Es ist durchaus eine Herausforderung, Gemeinschaft auf...
Das britische Theater wartet, seit es Mitte März über Nacht stillgelegt wurde, auf Regierungshilfe. Shakespeare’s Globe war eine der ersten Bühnen, die medienwirksam mitteilte, ohne einen Zuschuss von knapp sechs Millionen Pfund werde man das Jahr nicht überstehen. Bald darauf schlug das Old Vic Alarm, die Reserven reichten nur noch wenige Monate. So geht’s rund 70...
«Die Zeit friert», schreibt Aglaja Veteranyi («Wörter statt Möbel», «Der gesunde Menschenversand», 2018). Die Tage ziehen sich in die Länge, sind doch viel zu kurz und fließen ineinander. Wer weiß schon, ob heute Montag ist oder Dienstag? So vieles Gewohntes gibt es plötzlich nicht mehr zu tun, so vieles Ungewohntes gibt es plötzlich zu tun.
Ein Stapel Bücher will...
