Sieg der Vernunft
Und wenn es nun in dieser Minute geschlossen gewesen wäre, darum also hätte ich gelebt?», räsonniert Heinrich von Kleist in einem Brief, den er am 18. Juli 1801 unmittelbar nach seinem «spektakulären» Kutschen-Unfall auf dem Butzbacher Marktplatz schrieb, über sein Leben. «Das hätte der Himmel mit diesem dunkeln, rätselhaften, irdischen Leben gewollt, und weiter nichts –?» Offensichtlich steckte der namhafte Schriftsteller bereits im allgemein eher optimistischen Alter von 24 Jahren in einer tiefen Midlife-Crisis.
Er befand sich mit seiner Schwester Ulrike auf dem Weg nach Paris, als ein Esel «so abscheuliches Geschrei» von sich gab, dass «die armen Pferde, die das Unglück haben keine Vernunft zu besitzen», logischer Weise durchgingen, und sich das Gefährt mitsamt Insass:innen überschlug. «Das alles kostete uns 3 Louisdor und 24 Stunden, am andern Morgen ging es weiter – Wann wird der letzte sein?»
Auch im zweiten Teil der künstlerischen Arbeit, die das Theaterkollektiv copy & waste einer Auseinandersetzung mit dem Sterben abgerungen hat, bleibt der Vorhang geschlossen – zumin -dest bis zum bitteren Ende. Bereits die erste Zeitreise ins «Archiv der Sterblichkeit» «Besides, it’s ...
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Theater heute Mai 2023
Rubrik: Magazin, Seite 86
von Anja Quickert
Wo entsteht Kunst? Eher im «House of Trouble» als im «House of no Trouble». Denn über dem Eingang zum ersteren steht «Hoffnung», über dem zum anderen «Friede, Freude, Eierkuchen». So erklärt es das Personal in Milan Peschels Theater-auf-dem-Theater-Revue «House of Trouble». Die erste Karlsruher Inszenierung des regiefleißigen Berliner Schauspielerstars erbrachte...
Kammerton a. Der Abend beginnt wie im Konzertsaal. Die Spieler:innen haben sich locker auf der Bühne eingefunden, bei vollem Saallicht, unterhalten sich entspannt, der Keyboarder gibt den Ton vor, das Streichtrio stimmt die Instrumente. Als «Sprachkonzert» wird Sarah Kanes «Gier» gern, etwas verlegen, bezeichnet. Ein Bühnengedicht, das sie auf vier Stimmen C, M, B,...
Theaterarbeit und die Frage nach den Hierarchien ist ein diskursiver Dauerbrenner. Heute heißt es oft, «die hierarchischen Strukturen» innerhalb der Theaterorganisationen müssten als Wurzel vieler Übel des professionellen Theaterschaffens begriffen werden, das ganze (weißmännliche) Machtsystem sei toxisch, korrumpiert, mindestens undemokratisch, «verkrustet» usw....
