Sie hat ihn geliebt

Dürrenmatt «Der Besuch der alten Dame» (Stadttheater)

Auf die Kunst, Emotionen freizusetzen, ohne ironisch oder sentimental zu werden, hofft man im Theater oft so vergeblich wie das bankrotte Städtchen Güllen in Dürrenmatts Schullektüre-Dauerbrenner auf einen Retter. Die junge Regisseurin Maria Elena Hackbarth aber packt hier lebendiges Fleisch auf das Gerippe der Lehrbuch-Dramaturgie. Und zwar, indem sie die oft einfach vorausgesetzte Vorgeschichte ernst nimmt: dass Claire Zachanassian und Alfred Ill sich einmal geliebt haben.



Freilich wird Dürrenmatts Groteske dabei nicht auf eine unglückliche Romanze heruntergedimmt: Unaufdringlich souverän erzählt Hackbarth von der Verführbarkeit der Masse und dem Verdrängen individueller Schuld, indem man sich von dieser Masse schlucken lässt. Aber da die Inszenierung, unter anderem durch chorische Elemente, stets den spielerischen Behauptungscharakter von Theater betont, ge­winnt sie besondere Glaubwürdigkeit. Konkret: Dass Birgit Bücker und Oliver Jacobs für die Hauptrollen eigentlich etwas zu jung sind, erlaubt ihnen eine unpeinliche Emotionalität, da selbst realistisch-emphatisches Spiel hier immer stilisiert wirkt. Und wenn dann Ill bei einer letzten gemeinsamen Zigarette nach dem gemeinsamen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2011
Rubrik: Chronik, Seite 49
von Andreas Jüttner

Weitere Beiträge
Anwalt der Nische

Um den Künstler herum, um die Kunst herum. Im Gemenge der Berufe, die zwar nah dran sind oder gar mittendrin, aber nicht selbst künstlerisch, nicht unmittelbar selbst künstlerisch, hat der Kurator das jüngste und unklarste Profil. In der Bildenden Kunst, wo er innerhalb kurzer Zeit zum Star avancierte, steht er zwar im Mittelpunkt einer Auseinandersetzung, die er...

Tragödie auf der Couch

Die Herren stehen etwas verschüchtert im Halbkreis und blicken freundlich betreten nach allen Seiten. Kein Wunder, schließlich sind die meisten von ihnen zwar bühnenerfahren, aber keine Schauspieler: nämlich die netten Jungs der Hamburger Nette-Jungs-Band Kante. Jetzt dürfen sie in Friederike Hellers «Antigone» zwar ihre Instrumente mitbringen und wie im...

60 Minuten ÜberDosis

Wenn schon «Raum», wie Olafur Eliasson schreibt, «eine sich ständig verändernde Gleichzeitigkeit von bisherigen Geschichten» ist, was ist dann Theater? − Der Modellfall räumlicher Wirklichkeitswahrnehmung? Der diesjährige Show-Room der Freien Szene, das 100-Grad-Festival, steckte voller Raum-Metaphern. Dabei ist 100 Grad selbst ein Großraumexperiment, bei dem im...