Sibylle Berg: UND SICHER IST MIT MIR DIE WELT VERSCHWUNDEN
Das Ende der Serie
Text für eine oder mehrere F
PROLOG
Da sind Sie wohl zu spät gekommen:
Das Bett ist leer, die Mutter tot.
Sie liegt erkaltet schon im Keller,
doch vielleicht klebt sie noch hier,
da oben an der Decke maybe –
sie starb heut Morgen gegen vier.
Sie hat sehr grauenhaft gelitten,
so einsam, kalt, verlassen hier,
sie hat nach Ihnen noch gerufen –
der Name fiel ihr nicht mehr ein –
wir lassen Sie jetzt kurz alleine,
Sie müssen stark betroffen sein.
Selbst wenn Sie jetzt nicht daran glauben,
die Welt, die wird sich weiterdrehn.
Es wird bald wieder Frühling werden,
als sei der Tod und dieses Grauen
ganz einfach nie und nicht geschehn,
als habe diese eine Leiche
niemals geweint, geliebt, gelacht –
als wäre sie nie dagewesen,
als hätten alle ihre Jahre, ihr Sein ganz einfach
nichts gemacht.
Sehen Sie mich?
Ich schwebe da oben an der Decke.
Unten das Intensivpflegezimmer, pro Monat 20.000, leises Lachen, wenn ich noch dazu in der Lage wäre. Ein leeres
Bett, vor dem steht meine Tochter und versucht sich in einem traurigen
Gefühl. Stichwort: Seit ein paar Jahren keinen Kontakt mehr, Stichwort: Mutter starb alleine, Stichwort: Erbschaft?
Sie müsste sich jetzt schlecht fühlen, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2020
Rubrik: Stückabdruck, Seite 99
von
Aufführungen
Gleich nach der Corona-Pause kündigen sich große Staatsdramen an: Am Deutschen Theater Berlin zelebriert Anne Lenk Schillers Königinnen-Clash zwischen Maria Stuart und Elisabeth – Franziska Machens gegen Julia Windischbauer! Im Hamburger Schauspielhaus breitet Karin Henkel die jugendliche Vorgeschichte von Shakespeares Richard III. aus: «Richard the...
Welche Rolle hat das Theater bei den politischen Protesten in Weißrussland gespielt? 26 Jahre lang hat Lukaschenko auf der Grundlage eines unausgesprochenen Kompromisses regiert: Er gab Stabilität, aber niemand war politisch aktiv. Es gab keine Reformen in Belarus, niedrige, aber stabile Gehälter, kaum Kriminalität – aber alle Wahlen waren intransparent, politische...
Die kleine Form hat Konjunktur – zumindest bei der diesjährigen Ausgabe des Kunstfests Weimar. Ob Falk Richter, Theresia Walser oder Sibylle Berg, sie alle lieferten den Corona-gerechten Solo-Sound des vereinsamten Menschens. Während Bergs Text «PAUL oder im Frühling ging die Erde unter», der in der Regie von Ersan Mondtag mit Benny Claessens immerhin noch eine...
