Selbst ist der Gott

Neue Stücke zu Digitalität, Bipolarität, Identität: Emre Akals «Göttersimulation» in München, Yael Ronens/Orit Nahmias’ «Blue Moon Blues» und Golda Bartons «Sistas!» in Berlin

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Götter sind nach wie vor sehr beliebt, besonders unter (Video-)Gamern. Es gibt sogar ein eigenes Spiele -genre, die Göttersimulation. Dort darf man sich eine eigene Welt bauen nach selbstgewählten, natürlich vorgegebenen Regeln. Endlich Gott spielen, auch wenn es im realen Leben nicht immer so ganz klappt. Alles kostet natürlich, das Land, die Städte, die Befehlsgewalten. Wie im richtigen Leben. Man findet sich schnell zurecht. Schließlich sind die virtuellen Welten auch von lebensechten Menschen vorprogrammiert worden.

 

In Emre Akals «Göttersimulation» haben sich acht Jugendliche als Avatare in ein solches Spiel eingeloggt, sich fantasievolle Gött:innennamen gewählt und versenden auf großer Kammerspiele-Bühne, was sie umtreibt. Es geht um Mobbing, die ungeliebte Schule, das Leben im Hochhaus, über Narben, das Erben, über Schuld, Nachhaltigkeit, Diskriminierung, Politikverdrossenheit, Kapitalismus, eine bessere Welt. Alles bleibt etwas ungefähr, selten findet sich ein zusammenhängender Gedanke, eher dunkle Andeutungen und Buzzwords, die aufgerufen werden und herumschwirren. Selbst ihre Wut bleibt überraschend freundlich. Von Zeit zu Zeit schaltet sich noch eine Mutterstimme ein, ...

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Theater heute 1 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Franz Wille

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