Plädoyer für das Ausbüchsen
Stell dir vor, du hast es in einen Beruf geschafft, von dem man denken könnte, es sei der schönste Beruf der Welt, ein Beruf, der sich mit Freiheit beschäftigt – und dennoch: Das uneingelöste Schönheits-, Liebes- und Freiheitsversprechen, das dieser Beruf mit sich bringt, schnürt dir die Kehle derart zu, dass du dich fragst, warum du nur in diesen Beruf drängtest.
Stell dir vor, an deinem Premierentag hast du ein Radiointerview, sitzt mit dem Telefon hinter der Bühne und hörst, wie die Anmoderation, live auf Sendung, über deine Geschlechtsmerkmale spekuliert.
Stell dir vor, dir wird im weiteren Verlauf des Interviews das Gefühl vermittelt, dass dies alles vermeintlich in deinem Sinne geschähe, weil ja um Repräsentation gerungen werde, du schließlich im Theaterbetrieb eine nennenswerte Ausnahme darstellst. Dir ist nach Auflegen zumute, aber das geht nicht, es ist schließlich doch dein Pressetermin, den du wahrzunehmen hast, wahrnimmst. Du hast dich bestimmt verhört. Du stellst dir vor, wie es klingen würde, stünde das marktschreierische Verkünden von Identitäten für alle Regisseure auf der Tagesordnung: «Achtung, Achtung, verehrtes Publikum, heute Abend hat Herr Soundso Premiere im ...
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Theater heute Januar 2021
Rubrik: Burning Issues, Seite 42
von
Allgegenwärtig auf den deutschen Theaterbühnen, wie er es einst war, ist Bertolt Brecht, der Erfinder des V-Effekts, schon lange nicht mehr. Nehmen wir das Theatertreffen als Maß aller Dinge, gab es in den letzten 25 Jahren genau zwei Brecht-Inszenierungen, die es in die Endauswahl schafften: Castorfs «Baal»-Inszenierung 2015 und Christopher Rüpings «Trommeln in...
«Ich bin so traurig, ich brauch Blaulicht», da sitzt er nun, der Frosch, und quakt am Lagerfeuer. «In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat …», will der Märchenonkel (Lukas Vögler) anheben – «Abgesagt!», schallt es ihm im Chor entgegen. Die arbeitslosen Märchenfiguren treffen sich im Wald und wirken ein bisschen ratlos. «Wat is ab?» Ist doch noch...
Die Zeit hat Hans Castorp und seinen Autor Thomas Mann im «Zauberberg» sehr beschäftigt, auch wenn beide mit ihren Überlegungen nicht weit kommen. Sie sei eine Bewegung, heißt es dort in wohlgesetzten Worten, aber was, wenn keine Bewegung wäre? Gäbe es dann auch keine Zeit? Und was heißt überhaupt ewig? Schließlich einigen sich Hauptfigur und Autor darauf, dass...
