Plädoyer für das Ausbüchsen
Stell dir vor, du hast es in einen Beruf geschafft, von dem man denken könnte, es sei der schönste Beruf der Welt, ein Beruf, der sich mit Freiheit beschäftigt – und dennoch: Das uneingelöste Schönheits-, Liebes- und Freiheitsversprechen, das dieser Beruf mit sich bringt, schnürt dir die Kehle derart zu, dass du dich fragst, warum du nur in diesen Beruf drängtest.
Stell dir vor, an deinem Premierentag hast du ein Radiointerview, sitzt mit dem Telefon hinter der Bühne und hörst, wie die Anmoderation, live auf Sendung, über deine Geschlechtsmerkmale spekuliert.
Stell dir vor, dir wird im weiteren Verlauf des Interviews das Gefühl vermittelt, dass dies alles vermeintlich in deinem Sinne geschähe, weil ja um Repräsentation gerungen werde, du schließlich im Theaterbetrieb eine nennenswerte Ausnahme darstellst. Dir ist nach Auflegen zumute, aber das geht nicht, es ist schließlich doch dein Pressetermin, den du wahrzunehmen hast, wahrnimmst. Du hast dich bestimmt verhört. Du stellst dir vor, wie es klingen würde, stünde das marktschreierische Verkünden von Identitäten für alle Regisseure auf der Tagesordnung: «Achtung, Achtung, verehrtes Publikum, heute Abend hat Herr Soundso Premiere im ...
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Theater heute Januar 2021
Rubrik: Burning Issues, Seite 42
von
Premierenabend im Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Heike M. Goetze inszeniert Ödön von Horváths «Geschichten aus dem Wiener Wald» als alptraumhafte Theater-Installation, die vom «Volksstück gegen das Volksstück» wenig übrig lässt außer gesichtslosen Zombies, die auf der auf den Kopf gestellten Bühne ihr Unwesen treiben.
Als «eine Geisterpremiere» charakterisiert...
Stellt euch vor, ein Theater wird eröffnet und keiner darf hin! Gerade mal drei Wochen konnte Barbara Mundel ihr neues Haus bespielen, zunächst noch vor knapp 200 Zuschauern, dann sind per Dekret der bayerischen Staatsregierung nur noch 50 erlaubt – für Mundel ein Akt kompletter Willkür –, und seit dem 2. November setzt die bundesweite Komplettschließung erst...
Weil im Theater das Handy aus ist.
Weil ich andere atmen höre.
Weil wir den Atem gemeinsam anhalten.
Weil wir zusammen still sind.
Weil wir zusammen Hormone ausschütten.
Weil man sich leichter in Menschen verliebt, mit denen man Hormone ausgeschüttet hat.
Weil ich im Theater über etwas weinen kann, das mit mir nichts zu tun hat.
Weil ich im Theater nicht einsam...
