Pizza Provinciale
Der Routenplaner auf dem Handy hat den Reporter so lange auf immer kleinere Straßen gelotst, bis im fahlen Licht der anbrechenden Nacht irgendwann nur noch dunkler Forst und einsame Höfe auszumachen sind. Schwer zu glauben, dass sich hier, hinter den sieben Bergen, irgendwo ein Theater befinden soll. Hinter der nächsten Kurve aber leuchten auf einmal die Lichter der kleinen Ortschaft Höf – und tatsächlich: Dort steht das «Gold & Pech Theater», das an diesem Dezemberabend mit einer neuen Produktion des Nature Theater of Oklahoma eröffnet wird.
Wer kommt auf die Idee, hier ein Theater zu eröffnen? Und was verschlägt eine berühmte New Yorker Avantgardegruppe in die steirische Pampa?
«Ich lebe seit 17 Jahren hier, und ich glaube zu wissen, was die Gegend braucht», sagt Jula Zangger. Die 37-jährige Schauspielerin hatte eine Zeit lang ganz in der Nähe das Hoftheater Höf/Präbach geleitet, das auf einem Obstbauernhof seine Basis hatte und in der Gegend tourte. Als das Theater dort 2023 ausquartiert wurde, begab Zangger sich auf die Suche nach etwas Neuem, Festem. Und nachdem ein erstes Bauprojekt an einem «Nachbarschaftseinwand» gescheitert war, kaufte sie schließlich das leerstehende Gasthaus (das Schild «Gogo’s Schmankerlstube» hängt noch) in Höf und ließ in Rekordzeit – Spatenstich war drei Monate vor der Eröffnung – einen 120-Plätze-Theatersaal anbauen. Dass ihre Mutter Architektin ist, hat das irgendwie möglich gemacht; einen Kredit in Höhe von 900.000 Euro musste Zangger aber trotzdem aufnehmen, abzustottern in den nächsten 30 Jahren.
Hereinkommen soll das Geld für die Raten durch das im ehemaligen Gasthaus neu eingerichtete, von der Theatermacherin selbst betriebene Café («Das ist auch als sozialer Treffpunkt im Ort notwendig») und durch Vermietungen des Theaters, ein paar Fremdenzimmer gibt es auch. «Ich habe das Geschäftsmodell mit der Wirtschaftskammer durchgerechnet, und die sagen: Das kann sich ausgehen; es kann sich aber auch nicht ausgehen.»
Für die spektakuläre Eröffnungsproduktion kamen Zangger ihre Beziehungen zum Nature Theater of Oklahoma zugute. Als die Oklahomas beim Steirischen Herbst 2017 frei nach Elfriede Jelineks Roman «Die Kinder der Toten» einen trashigen Horrorfilm drehten, spielte Zangger eine tragende Rolle, nämlich die Wirtin. Pavol Liska, zusammen mit Kelly Copper Regisseur und Leiter der Truppe, erinnert sich: «Als Jula vor eineinhalb Jahren bei uns angefragt hat, sagte sie gleich dazu, dass wir wahrscheinlich zu berühmt und zu teuer für sie sind. Aber um solche Dinge ist es uns noch nie gegangen. Uns kommt es mehr darauf an, wie groß der Traum ist.»
«Pizza oder Eine Tür in der Dunkelheit tanzt nicht»
In drei Probenblöcken ist das als Kammeroper ausgewiesene Stück «Pizza oder Eine Tür in der Dunkelheit tanzt nicht» entstanden (der deutsche Titel ist etwas irreführend, gespielt wird auf Englisch mit Über -titeln). Kenner des Nature Theater werden vieles wiedererkennen: Das Bühnenbild (Luka Curk) wird von einer rustikalen Bar dominiert, die an den Saloon in «Pursuit of Happiness» (2016) erinnert, den monotonen Sprechgesang und den billig klingenden, aber suggestiven Synthesizerscore (Musik Robert M. Johanson) haben sie in der Oper «Burt Turrido» (2021) zuletzt exzessiv eingesetzt, Stilmittel wie die expressive Stummfilmgestik (weit aufgerissene Augen!) und die betont schlichten Dialoge sind ohnedies charakteristisch für ihre Theatersprache.
Das Nature Theater erfindet sich in «Pizza» also nicht neu, aber nach den interna -tionalen Großproduktionen, die sie zuletzt gestemmt haben, hat ein vergleichsweise kleines Format wie dieses etwas Erfrischendes: Back to the roots! So viel Spaß hat eine Oklahoma-Inszenierung jedenfalls schon länger nicht mehr gemacht.
Das Ensemble besteht aus drei Nature-Theater-erfahrenen Performern (Gabel Eiben, Robert M. Johanson, Bence Mezei), zwei einheimischen Kräften (Tobias Kerschbaumer und Chefin Zangger) und einem siebenköpfigen Teenager-Chor aus der Region; irgendwann läuft auch das Hündchen von Cop -per und Liska auf die Bühne. So etwas wie Handlung gibt es nur ansatzweise: Ein paar Figuren machen Party, sie haben etwas Verlorenes, ihre Liebesbeziehungen sind gescheitert, manche sind wahrscheinlich bereits tot (gut, dass ein Sarg auf der Bühne ist). Nach 20 Minuten werden im Publikum Pizzastücke verteilt, die leider kalt sind – aber wie heißt es dazu auf der Bühne? «Es gibt keine schlechte Pizza / Auch die schlechteste Pizza ist besser / Als fast jedes andere Essen.» Weitere Höhepunkte des 105 Minuten langen Abends sind ein großes Solo des «Piz -zamanns», der davon erzählt, was ihm in seinem Job schon alles untergekommen ist (zum Beispiel ein Mann in einem aufblasbaren Tyrannosaurus-Rex-Kostüm, der dann natürlich auch auftritt) sowie einige Gruppenchoreografien, in denen – siehe Titel – manchmal eine Tür mittanzt. Der letzte Akt ist ein Spiel vom Fragen; mehr als 100 Fragen prasseln auf das Publikum ein, von «Fühlen Kühe sich wohl, wenn sie gemolken werden?» bis «Heißt Chile Chile, weil es wie eine Chili aussieht?». Und immer wieder: «Was ist der Sinn des Lebens?» Dass Banales und Tiefsinniges vollkommen gleichwertig behandelt werden, ist eine große Qualität dieses Theaters, es macht viel von seiner Poesie und seinem Witz aus.
Fünf Eigenproduktionen pro Jahr, dar -unter eine für Kinder, möchte Jula Zangger in ihrem Theater herausbringen. «Ich werde natürlich nicht nur Produktionen wie diese machen können, aber es soll ein gut gemischtes Programm sein», sagt sie. «Und ich will mich nicht weichkochen lassen wie viele Theater am Land, die irgendwann dann doch gefälliger werden.» Zu 50 Prozent soll das Publikum aus der Gegend kommen, zu 50 Prozent aus Graz und Wien. So weit weg vom Schuss ist Gold & Pech Theater nämlich gar nicht; nach Graz sind es nur 15 Kilo -meter, es gibt auch eine ganz gute Busverbindung. Zur Eröffnungspremiere sind manche Gäste weit angereist, Annemie Vanackere vom HAU ist da, auch Kurator:innen aus Belgien und Slowenien sind im Publikum. In ihrer Eröffnungsrede bedankt sich Jula Zangger auch dafür: «Ich finde es großartig, dass Sie zu mir in den Wald gekommen sind!»
Theater heute Februar 2026
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Wolfgang Kralicek
«Eine Welt hat begonnen, die ein neues Menschengeschlecht braucht.» Es ist dieses Gedankenspiel, das Anja Hilling sprachlich durchexerziert. Die Protagonist:innen ihrer meditativen Menschenstudie: die Eltern, das Kind und eine nichtmenschliche As -sistentin, genannt Kali. Und eben die deklariert «die Maximierung des menschlichen Potentials». Im Hinduismus ist Kali die Göttin der...
Nicht rennen und unter keinen Umständen laut sein! Im Münchener Haus der Kunst wird man schon angeraunzt, bevor das erste Werk zu sehen ist. Bisschen viel prophylaktische Disziplinierung für eine Ausstellung mit dem Titel «For Children». «This is Germany», murmelt jemand.
Drinnen gibt es dennoch jede Menge Kids, wirklich tolle Kunstwerke – und mindestens fünfzehn verschiedene Arten von...
Ein junger Mann steht vorne vor der Rampe des Weimarer Nationaltheaters, läuft an ihr entlang, wirft einen prüfenden Blick in den Zuschauerraum, als müsse er sich vergewissern, dass sich das Unterfangen lohnt. Ein Blick auf den neuen Ort, wo jetzt das Wesentliche, das Theater passieren soll. Der Startsequenz von Thomas Manns «Felix Krull» wohnt viel Anfang inne. Gut vorstellbar, dass...
