Pizza, dann Spaghetti

Bühnen- und Kostümbildnerin Janina Audick war begeistert von René Polleschs Geschmackssicherheit und Eloquenz

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Die Nachricht von Renés Tod erreichte mich am ersten Urlaubstag. Gerade trabte ich auf einem Schimmel durch die Berge in der Sierra Nevada. Es war mein erster Urlaub seit Langem. René mochte keinen Urlaub. Er mochte lieber zum Beispiel Pizza und danach noch Spaghetti.

Das erste Mal sind wir uns 1999 in einer Bar am Nollendorfplatz begegnet. Christine Groß und Tabea Braun stellten die Verbindung her.

Nachdem ich seine Performance «Heidi Hoh 1» im Podewil unter Aenne Quinones Kuration gesehen hatte, war ich begeistert von den Ambivalenzen – davon, wie er mit Elementen aus Kunst, Öko -nomie, Kapitalismuskritik, Philosophie, Liebe und dem sich bereits abzeichnenden Internet-Gaga der späten 1990er Jahre jonglierte. Er machte alles selbst: Text, Regie, Musik, Dramaturgie – mit einer Geschmackssicherheit und Eloquenz, die ich nur bei sehr wenigen anderen Regiekollegen:innen beobachtet habe – auch später, im Laufe meiner 25-jährigen Theaterkarriere.

Als damals völlig unbekannte Novizin zeigte ich ihm meine Entwürfe und Collagen, und prompt war ich engagiert, um mit ihm dann in Hamburg die «World Wide Web Slums» zu bauen – ohne jemals zuvor ein Bühnenbild gestaltet zu haben. In Hamburg entwickelten wir gemeinsam die Idee, den Zuschauerraum für die Inszenierung aufzulösen, ihn in einen nicht-hierarchischen Raum ohne Backstage zu verwandeln. Ich kostümierte die Souffleuse so, dass sie in die Inszenierung einbezogen werden konnte: Das zog sich später durch viele seiner Produktionen.

Es war damals für uns beide das erste Engagement an einem größeren Staatstheater, dem viele weitere folgen sollten. Wir hievten uns gegenseitig in die ersten Häuser. Es lief prima: Wir räumten den Mülheimer Dramatikerpreis ab. Darauf folgte «Heidi Hoh 3», und wir tingelten die darauffolgenden Jahrzehnte gemeinsam durch beinahe jedes Scheißhotel in Hamburg, Wien, Warschau, Berlin, Stuttgart bis nach Tokio, wo René überall, egal wo, am liebsten erst Spaghetti, dann anschließend Pizza aß. Manchmal war es auch umgekehrt.

Ich wäre selbst wohl kaum im Theater gelandet, wenn mir René nicht begegnet wäre. Die Art, wie er der Bühnenbildnerin und den Gewerken bei der Konzeption und Stückgestaltung Freiheiten und Zutrauen schenkte, war völlig anders als die damals wie heute oft verkrusteten hierarchischen Strukturen in Stadttheatern.

Frank Castorf, der in der Frühphase mit Renés unkonventionellem Umgang mit dem Raum fremdelte, war bis 2003 immer noch der Meinung, René sei noch nicht bereit für die große Bühne. Ich kann mich noch dran erinnern, wie René auf der Hinterbühne am Abend der Premiere von «Splatterboulevard» auf der Großen Bühne vor Aufregung eine Fieberattacke bekam. Er ließ sich leicht beeinflussen.

Es gab natürlich auch Tiefen im Laufe unserer Zusammenarbeit. Jetzt, wo ich in Spanien die schreckliche Nachricht von seinem viel zu frühen Tod gelesen habe, galoppiere, trabe und krieche ich auf einem halblahmen Schimmel durch den Staub der Sierra Nevada und lasse diese 25 Jahre mit René wie im Zeitraffer in mein Bewusstsein laufen. René war Sternzeichen Skorpion. Es hätte ihm hier vermutlich gefallen. Mit meinen Tränen kann ich jetzt zumindest einige Zitronenbäume in dieser staubtrockenen Gegend bewässern. SCHEISSE!!!

Mein Dank geht an einen Menschen, an einen Dramatiker, dessen Geist auf alle Bühnen der Welt strahlt: René Pollesch.


Theater heute April 2024
Rubrik: Nachruf René Pollesch, Seite 35
von Janina Audick

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