Göttinnendämmerung

Robert Borgmann führt mit seiner «Athena» am Residenztheater die «Orestie» und ihre Vision einer weltlichen Herrschaft der Vernunft hart an den Rand des Abgrunds

Theater heute - Logo

Zwischen weltabgewandter Verstiegenheit und künstlerischer Radikalität liegt manchmal nur ein hauchfeiner Grat. Auf dem balanciert, in beide Richtungen durchaus absturzgefährdet, Robert Borgmanns «Athena» im Marstall des Münchner Residenztheaters. Statt wohlmeinender «Eumeniden», wie der letzte Teil der Orestie bei Aischylos überschrieben ist, hat Borgmann den Namen der Göttin in den Titel gerückt, die im Original den unseligen Kreislauf aus Mord und Rache unterbricht, indem sie beim abschließenden Scherbengericht mit einem weißen Stein für Orests Freispruch stimmt.

Doch dies wird in Borgmanns posttraumatischer Kunstwelt so nicht stattfinden. Die Urszene der Demokratie, mit der die Verantwortung für sein Tun, aber auch für die Organisation der Gesellschaft an den Menschen übergeht, ist der Sorge um sie gewichen, die in Satzfetzen aus Politikerreden von Steinmeier bis Trump schon vor Beginn akustisch den Raum füllt.

Am Residenztheater erfüllt sich damit zugleich ein Coup der Dramaturgie, alle drei Teile der «Orestie» in einer Spielzeit in drei Regiehandschriften und an den drei Spielstätten des Hauses aufzuführen. Den Auftakt machte Ulrich Rasches «Agamemnon», der bereits 2022 als ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 26
von Silvia Stammen

Weitere Beiträge
Er war supernett

Es war sehr schwierig, Ihre Figuren zu begreifen. Wer waren sie?» Das war die erste Frage beim Publikumsgespräch nach der Lesung von «Rocco Darsow» am Goethe-Institut Tokio im Juli 2016. Ich antwortete: «Es gibt keine Figuren, wir sind einfach wir selbst, die vier Schauspieler:innen.» Ein Zuschauer: «Aber welche Gefühle wollten Sie bei uns hervorrufen?» Ich:...

Frauenzimmer mit Aussicht

Auf das Eröffnungsstück ist Chefdramaturgin Anna-Sophia Güther in einer Fußnote gestoßen. In einem Text über Goethes «Stella» wurde auf ein Stück verwiesen, von dem Güther noch nie gehört hatte. Das Trauerspiel «Düval und Charmille», geschrieben von der Goethe-Zeitgenossin Christiane Karoline Schlegel, war 1778 zwar in Druck gegangen, wurde aber nie gespielt....

Jenseits von letzten Tabus

Im Alltag kleiner Dinge lauert hier manchmal das Abenteuer. Und das Theater steht mittendrin: in der Heidelberger Altstadt. Gleich nebenan ziehen Legionen von Touristen vorbei, vom Bismarckplatz herauf durch die Hauptstraße, an der Uni vorbei und am «Güldenen Schaf», hin zur Heiliggeistkirche; und die Sprachen aus der Fremde mischen sich mit den fremden Sprachen,...