Nix ist fix

Am Deutschen Theater in Berlin verlegt Karin Henkel Labiches «Affäre Rue de Lourcine» ins Krematorium

Theater heute - Logo

Als Klaus Michael Grüber, der große apokalyptische Querkopf, 1988 mit Labiches «Die Affäre Rue de Lourcine» in der lakonischen Übersetzung Elfriede Jelineks seine erste (und einzige) Komödie an der Berliner Schaubühne inszenierte, war die Begeisterung so groß wie die Überraschung.

Labiches Einakter eines verkaterten Morgens, in dem sich zwei Bürger in den Abgründen einer alkoholbedingten Amnesie verlieren, aber unbeschädigt daraus wieder auftauchen, «dieses bedeutungsschwere Nichts an Handlung», breitete Grüber in Zeitlupe als «vermummtes Trauerspiel» aus (Rolf Michaelis in der «Zeit»), über dem eine wildgewordene Uhr in Form einer Lokomotive raste.

Unwahrscheinlich, dass die 1970 geborene Karin Henkel die Grübersche Inszenierung
gesehen hat. Aber zumindest die unzuverläs­sige Uhr, die rot und digital über der Bühne glüht, hat sie von Grüber übernommen: Erst steht sie brav auf 19.33 Realzeit, dann zuckt sie rasend auf 11 Uhr – ein später Morgen, an dem Monsieur Lenglumé in seinem Bett aus tiefem Rausch erwacht. Bei Labiche. Bei Karin Henkel, der Henrike Engel statt des bourgeoisen Schlafzimmers ein kühles, weiß verhängtes Krema­torium auf die Bühne gestellt hat, in dem Leng­lumés ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Barbara Burckhardt

Weitere Beiträge
Verführte Verführer

An Görings Geburtstag rottet sich das grau gewandete Gefolge des Nazi-Oberbonzen zu einem Opernhausball zusammen. Den Gastgeber spielt Hendrik Höfgen, Intendant der Berliner Staatstheater, Görings Günstling. Der Autor Klaus Mann schreibt das Jahr 1936, er schrieb auch im Jahr 1936, er konnte noch nichts wissen von Holocaust und totalem Krieg, aber er ahnte das...

Dramaturgie: Politikaufstellung mit Base-Cap

Dass das Theater bei seinem Besuch im Deutschen Bundestag vor «spielerischen Versuchsanordnungen» nicht zurückschrecken würde, war zu befürchten. «Ich bitte Sie jetzt – ohne lange zu überlegen – ihren politischen Standort zu bestimmen», leitet die freundliche Dramaturginnen-Stimme eine Gruppe von gut 150 Menschen im SPD-Fraktionssaal bei der «Aufwärmübung» an....

Ins Herz der Demokratie

«Ça ira», so heißt Frankreichs militantestes Revolutionslied, noch vor der Marseillaise. «Ah ça ira, ça ira, ça ira!», skandierten 1790 die Sansculottes, «les aristocrates on les pendra»: Es wird schon gehen, die Aristokraten hängen wir alle auf. «Ça ira (1) Fin de Louis» nennt der Autor und Regisseur Joël Pommerat seinen neuen Abend, den er Anfang Novem­ber im...