Dramaturgie: Politikaufstellung mit Base-Cap
Dass das Theater bei seinem Besuch im Deutschen Bundestag vor «spielerischen Versuchsanordnungen» nicht zurückschrecken würde, war zu befürchten. «Ich bitte Sie jetzt – ohne lange zu überlegen – ihren politischen Standort zu bestimmen», leitet die freundliche Dramaturginnen-Stimme eine Gruppe von gut 150 Menschen im SPD-Fraktionssaal bei der «Aufwärmübung» an. Gehorsam, wenn auch ein wenig irritiert, bewegt sich die Menge ins linke Raumspektrum.
Zwischen einzelnen Anzugträgern des politischen Establishments, sichtlich um Haltung bemüht, leuchten farbenfroh die DramaturgInnen-Köpfe, die sich aus Distinktionsgründen mit quietschorangenen Base-Caps verkleidet hatten. Spielfreude pur.
Links oder rechts im Raum
Mit «Was tun. Politisches Handeln jetzt» hatte sich die Dramaturgische Gesellschaft bei ihrer Jahreskonferenz Ende Januar sicherlich keine leichte Aufgabe gestellt. Das obligatorische Fragezeichen, das die literarische Tradition des politischen Schreibens von Tschernyschewski und Lenin bis zuletzt Milo Rau im Titel begleitet, hatte man mutig gestrichen: Vorerst schien das Tun also außer Frage zu stehen. Ein ähnlich progressives Sendungsbewusstsein klang beim Titel der ...
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Theater heute März 2016
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Anja Quickert
Ich bin auch nur ein Arschloch», outete sich Milo Rau unlängst in der Schweizer «Sonntagszeitung». Der Grund, in Kürze: Unser aller eurozentristische Betroffenheitskultur – vulgo: Mitleid – angesichts der weltpolitischen Lage verschiebe real zu führende Debatten in symbolische Entlastungsräume und mache uns somit zu «zynischen Humanisten».
Knackige, aber korrekte...
«Ça ira», so heißt Frankreichs militantestes Revolutionslied, noch vor der Marseillaise. «Ah ça ira, ça ira, ça ira!», skandierten 1790 die Sansculottes, «les aristocrates on les pendra»: Es wird schon gehen, die Aristokraten hängen wir alle auf. «Ça ira (1) Fin de Louis» nennt der Autor und Regisseur Joël Pommerat seinen neuen Abend, den er Anfang November im...
Was Heiner Müllers «Horatier» gerade heute zum Terrorismus zu sagen hat
Der namenlose Kämpfer stößt dem verwundeten Gegner, der am Boden liegt und «mit schwindender Stimme» um Schonung bittet, «sein Schwert in den Hals, daß das Blut auf die Erde» fällt, er wirft sich das blutige Schlachtkleid des Getöteten über die Schulter, steckt sich dessen Waffe in den Gürtel...
