Moskauer Machtzirkus
Stalin sitzt breitbeinig im Dampfbad. Unter seinem Handtuch wuchert ein Penismonster hervor, träge wie eine Würgeschlange. Ein groteskes Attribut der Tyrannenmacht. Holger Kunkel trägt das Geni-Teil angemessen selbstgefällig zur Schau, er verkörpert hier im Freiburger Großen Haus ja auch den obszönsten Grobian, unter dem die Sowjetunion im 20. Jahrhundert geknechtet hat. Und wenn dieser «Kleine Nächtliche Stalin» auch nur ein Traumzerrbild ist: Neben ihm verzwergt der Novize auf dem Kreml-Thron, den alle in dieser Geschichte nur den «Großen Gopnik» nennen.
«Du bist wie ein Schauspieler, der nicht weiß, welche Rolle er spielen soll», lästert Stalin. «Dabei ist alles ganz einfach. Mach aus der Modernisierung eine Mobilisierung.» Kriegsherrschaft also. Ob der Gopnik da nicht auch allein draufgekommen wäre?
Viktor Jerofejew datiert die Szene in der russischen Sauna auf das Jahr 2002. Der 76-jährige Schriftsteller hat im letzten Jahr einen autobiografisch gefärbten 600-Seiten-Roman veröffentlicht, ein vogelwildes Panoptikum, das in unzähligen Kapiteln und Episoden illusionslos, aber fantastisch davon erzählt, in welchen postsowjetischen Luxuskäfigen sich die Reichen, Klugen und ...
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Theater heute Juni 2024
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Stephan Reuter
Sehr viel haben sie sich vorgenommen – nichts weniger als eine komplett veränderte Definition dessen, was Theater sein kann und sein soll. Dafür aber muss das Theater, wie es ist, zerstört werden – zunächst als Raum: Weg mit den historischen Sälen und der Teilung von Bühne und Zuschauerraum, in Südamerika in der Regel orientiert am alten «Teatro Italiano»,...
Es braucht ein besonderes Publikum, damit man solche Dinge veranstalten kann! Ivo Dimchev, ein Veteran des HAU, steuert zum Festival «Love is a Verb» ein musikalisches Best-of bei: «Hell / Top 40» mit urkomischen, anzüglichen, vor Sex strotzenden Songs aus seinem breiten Oeuvre (mit dem er es auf Spotify auf mehrere hunderttausend Zugriffe bringt).
Und weil die...
Theater heute Herr Tschirner, haben Sie die Übergriffe auf Politiker der SPD und Grünen in Dresden Anfang Mai überrascht?
Christian Tschirner Nein, nicht wirklich. Die Atmosphäre ist sehr aufgeladen.
TH Eine aufgeladene Atmosphäre muss ja nicht dazu führen, dass man jemanden zusammenschlägt. Man kann sich auch anders streiten.
Tschirner Natürlich. Aber die...
