Diskursive Genderpässe

George Sand «Gabriel» am Neuen Theater Potsdam

Theater heute - Logo

Hosenrollen gibt es bekanntlich schon bei Shake -speare, wenn etwa Viola sich als ihr Bruder verkleidet und beim Herzog reüssiert («Was ihr wollt») oder Prinzessin Rosalinde verkleidet ihren geliebten Ganymed anschmachtet («Wie es euch gefällt»). Ähnlich gelagert, aber mit moderneren Vorzeichen, ist die Sache bei «Gabriel», das jetzt am Neuen Theater Halle in der Regie von Alice Buddeberg Premiere hatte.

Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Dialogroman von George Sand aus dem Jahr 1839.

Darin wird Adelsspross Gabriel, geboren als Mädchen und abgeschottet von der Welt, als Mann erzogen, um so den Anspruch auf das Prinzenerbe zu wahren. Gabriel aber sieht im Materiellen nur unnötiges Zierrat und sucht, kaum dass sie/er flügge geworden ist, die Stadt und Cousin Astolphe auf, der zum verarmten Familienteil gehört – als Mann Gabriel, der antrainierten Geschlechteridentität. Nach einigen imposant männlichen Raufereien erkennen die beiden ausgerechnet zum Karneval das natürliche Geschlecht Gabriels. Sie verlieben sich ineinander, so dass nun vor allem die Frage im Raum steht, wie und wo Gabriel als welche Person auftritt und was dieses Wechselspiel der Geschlechter mit der Liebe der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2024
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Torben Ibs

Weitere Beiträge
Die Stimme von Alfred Kerr

Günther Rühle war es, der sich am meisten für mich nach meinem Tod eingesetzt hat. Ich bin 1948 in Hamburg gestorben, aber er hat viel zu meiner Wiederauferstehung in Deutschland beigetragen. In «Theater für die Republik» im Spiegel der Kritik 1917–1925 und 1926–1933 (1967 und 1988 bei S. Fischer erschienen) schrieb Rühle, sein Ziel sei ein erster Versuch zu...

Doppelte Travestie

Ist George Orwells dystopisches Romanmärchen «Farm der Tiere» theatertauglich? Oliver Frljic hat jetzt am Stuttgarter Schauspiel eine eigene Bearbeitung auf die Bühne gebracht – unseren Zeiten angepasst, das Original eingeschmolzen, den Plot verändert. Der Stoff ist und bleibt so oder so aktuell, keine Frage. Es ist überzeitlich plastisch, wie genau Orwell das...

Bloody Mess

Wo soll das hin? Wo gehöre ich hin? Zu welcher Stimme? Zu welchem Satz? «Is the microphone on?» Jeder, jede will heutzutage gehört werden. Mit was eigentlich? In «Signal to Noise» knabbert Forced Entertainment an dieser Verbindung von Signal und Geräusch, Sagen und Bedeuten, zerknickt und schreddert sie.

Forced Entertainment, kurz FE, fing 1984 an und wurde berühmt...