Mein Name ist Existenzminimum
So ein Jubel war lange nicht am Schauspiel Düsseldorf, wo Abendgarderobe bis heute die Premierenoptik prägt und selbst bei Standing Ovations die Frisuren nicht verrutschen. Bei der Uraufführung von «Working Class» in der Regie von Bassam Ghazi sprüht eine andere Begeisterung aus den Publikumsreihen, Klatschen, Pfiffe, Trampeln. Der junge Mann neben mir ruft bei jeder Verbeugung «Anahiiiiit», und Anahit Grigorian schüttelt minimal den Kopf und strahlt noch ein bisschen mehr.
«Working Class» ist ein energiegeladenes Stück von und mit Expert:innen des Alltags.
Ihre Expertise heißt Leiharbeit und Frühschicht, Putzen und Pflege, Niedriglohn-Sektor und Plattform-Kapitalismus. Der Abend ist ein Fremdkörper am Gustaf-Gründgens-Platz – und damit am richtigen Ort. Ghazi, sein Dramaturg Lasse Scheiba und die acht Spieler:innen arbeiten mit der bewährten Mischung aus biografischem Erzählen, fiktionalen Elementen und Gesellschaftstheorie. Was diesem klugen und sehr eindringlichen Abend etwas fehlt, ist ein offensiverer Umgang mit seiner Entstehung, mit Laientheater an sich. Auch das nervöse Verschlucken von Endungen im Kontrast zum selbstbewussten Dröhnen von Berufsschauspieler:innen erzählt ...
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Theater heute 7 2022
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Cornelia Fiedler
Was wäre, wenn eine Frau Jahre später ihrem Vergewaltiger erneut begegnete? Und wenn sie die Gelegenheit bekäme, ihn zur Rede zu stellen? In ihrem Stück «Der Vorfall» führt Deirdre Kinahan dieses Gedankenspiel durch. Die irische Autorin, 1968 geboren, hat bereits um die dreißig Theaterstücke geschrieben und zahlreiche Preise erhalten, im deutschsprachigen Raum ist...
Und dann kommen die Tränen. Rotz und Wasser, die ganze schöne FFP2-Maske voll. Das passiert eigentlich nicht im Theater. Theater ist Arbeit, intellektuelle Herausforderung, Genuss, verlorene Zeit, wiedergefundene Zeit. Aber «berührend», das ist in erster Linie ein Adjektiv, um in Kritiken einen perfekt inszenierten Moment zu schildern. Schuld daran ist Familie...
Einmal bricht sie aus in einen wilden, unkontrollierten, befreienden Tanz. Ansonsten erzählt die Schauspielerin Therese Dörr in ruhigem Tonfall, was ihr Volha, die Ich-Erzählerin aus «Camel Travel», dem 2021 veröffentlichten auto biografischen Debüt-Roman der jungen belarussischen Autorin Volha Hapeyeva, in den Mund gelegt hat: die oft skurrilen Erinnerungen an...
