Kurzer Weg in die Finsternis

Shakespeare «Das Wintermärchen» im Theater Freiburg

Theater heute - Logo

Wenn ein israelischer Regisseur in diesem Herbst ein Stück über zwei verfeindete Bruderstaaten inszeniert, muss er sich schon anstrengen, damit das Publikum darin nicht bloß die offensichtliche Nahostkriegsparabel sieht. Yair Sherman hat sich für Freiburg angestrengt.

Der Terrorüberfall der Hamas vom 7. Oktober erwischte den 39-Jährigen zwei Wochen vor der Premiere. «Am ersten Wochenende war ich allein, das war eine schwere Zeit», bekennt er im Interview mit der «Badischen Zeitung». Auch in seiner Verwandtschaft gab es einen Toten.

Er habe aber am Konzept für seine Lesart des «Wintermärchens» nichts mehr geändert. Musste er wohl nicht. «Krieg und Terror waren in meinem Land immer präsent.» Brutalität und Blindwut wie bei Shakespeare auch. Umso bemerkenswerter, dass Yair Shermans Inszenierung bei aller gebotenen Skepsis um eine Tugend kreist, die im Kriegsgeschrei gemeinhin untergeht. Und das ist die Vergebung.

Gleich eingangs liegt er da und siecht auf der Intensivstation: Leontes, der König, der bereut. Vor 16 Jahren hat er seine schwangere Frau und seinen besten Freund des Verrats in Form von Ehebruch bezichtigt. Später das Neugeborene verstoßen. Dabei war’s die eigene Tochter, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2023
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Stephan Reuter

Weitere Beiträge
Der Trip in die Kugel

Schafe, alles Schafe», denkt Peter Bender oft in einer Art aufgebrachtem Mitleid, wenn er im Worms der 1920er Jahre die anderen Menschen an sich vorbeieilen sieht. Ihnen allen, diesen bedauernswerten Geschöpfen, fehlt nicht nur jede tiefere Einsicht in die Materie, sondern sie unternehmen auch keinerlei Anstrengung, zu selbiger zu gelangen! Für die träge...

Ahnungen von Glück

Dass es Rieke Süßkow (nach ihrem Wiener Überraschungserfolg mit Peter Handkes «Zwiegespräch») nun auch in Nürnberg gelang, selbst einen Werner Schwab so umzukrempeln, dass man ihn beinahe nicht wiedererkennt, grenzt an ein Wunder. Die gallig ordinäre Wirtshausposse, in der sich ein paar durchgeknallte Stammgäste Beleidigungen und Geschlechtsorgane um die Ohren...

Wo die Körper übernehmen

Das schwindelerregende Verhältnis von Kunst und Terror hat schon vor gut zwanzig Jahren die Volksbühne auf einem sehr dünnen Seil tanzen lassen. Im Nachgang von 9/11 griff Dramaturg Carl Hegemann das Diktum des Komponisten Karlheinz Stockhausen auf, der den Al-Qaida-Angriff als «größtes Kunstwerk aller Zeiten» gepriesen hatte, dachte gemeinsam mit dem...