Ahnungen von Glück
Dass es Rieke Süßkow (nach ihrem Wiener Überraschungserfolg mit Peter Handkes «Zwiegespräch») nun auch in Nürnberg gelang, selbst einen Werner Schwab so umzukrempeln, dass man ihn beinahe nicht wiedererkennt, grenzt an ein Wunder. Die gallig ordinäre Wirtshausposse, in der sich ein paar durchgeknallte Stammgäste Beleidigungen und Geschlechtsorgane um die Ohren hauen, hat Süßkow radikal aus ihrer versifften Realität gehievt und in eine comicbunte, kunstvoll überhöhte Fantasiewelt versetzt.
Die Figuren mit so sprechenden Namen wie Schweindi oder Fotzi stehen aufgereiht wie beim Prater-Ringelspiel nebeneinander und sondern ihren punkigen Sprachmüll im Takt von abgehackten Marionetten-Bewegungen ab. Man sieht nur einen breiten flachen Ausschnitt dieser Unterwelt der Ausgestoßenen (Bühne Mirjam Stängl), die zackig ihre Arme heben, federnd rückwärts in den Abgrund stürzen, die sich abwatschen und ununterscheidbar hinter Sado-Maso-Masken ihre Gesichter und also alle wahren Gefühle verstecken.
Das geht im perfekten Rhythmus quer durch die schrägsten Obsessionen, da wird mit Worten und Fäusten zugeschlagen, da fliegt das Dirndl hoch und der Unterleib wird als Ware feilgeboten. Die ...
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Theater heute Dezember 2023
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Bernd Noack
Alles halb so wild? Ist die deutsche Gesellschaft neuerdings gar nicht so gespalten wie oft behauptet? In der Nachkriegszeit noch als Zwiebel symbolisiert, mit dickem Mitte-Bauch und kleinen Enden oben und unten, ist seit den 1990er Jahren zunehmend von Polarisierung die Rede, von wachsenden Spaltungen unter sozialen und kulturellen Aspekten.
Steffen Mau und zwei...
Zwei Kindheiten spiegeln sich ineinander – über Zeit und Entfernung hinweg –, treffen sich in Erlebnissen von teilweise heftiger Gewalt, werden jeweils zum Resonanzraum der anderen und dabei auch ein Stück weit transparent in ihrem historischen und sozialpsychologischen Kontext. Wenn das gelingt, kann dabei etwas aufgehen, ein lebendiger Widerstandsgeist, ein...
Der vergangene Sommer hatte den Farbcode Pantone 219. Nicht nur wegen des pinken Kampnagel-Sommerfestival-Logos, sondern vor allem wegen «Barbie»: Greta Gerwigs Kinotriumph in pink dominierten Plakatwänden und Kino-Spielplänen spülte eine Milliarde in die Kassen des Spielzeugherstellers Mattel und war der vorläufige Höhepunkt einer schönen neuen Filmwelt, in der...
