Kreativkatastrophen und andere Höhepunkte
Was für großartige Gestrigkeiten: Elf bieder-korrekte Anzugmänner und Kostümfrauen, ganz Schlips und Bügelfalte mit grauem Hut, tauchen aus den Tiefen der 60er Jahre, weit entfernt von jeder Eleganz, Uniformträger einer untergegangenen Angestelltenkultur aus dem Geist der Vollbeschäftigung, als noch kein Mensch übertrieben originell oder kreativ sein wollte, sondern mit ordentlich stupiden Tätigkeiten in soliden Nine-to-five-Jobs ihre liebenswert spießigen Familien versorgten. Der Begriff Mainstream war noch nicht so geläufig, man hätte sich jedenfalls nichts Böses dabei gedacht.
Aus ihren Mündern pladdert ein dauerndes Gemurmel, zwar angestrengt ausdrucksbemüht, aber trotzdem nicht der Rede wert, nicht einmal der simpelsten Hauptsätze. Helmut Kohl ist später damit Kanzler geworden. An ihren Gliedern zerrt schon der Besonderungs-Drang, ein Rucken und Zucken, Recken und Strecken aus dem schlipsumschnürten Durchschnitts-Innersten, aber weit kommen sie damit noch nicht. Es reißt sie gelegentlich von den Füßen oder schleudert sie in den Bühnengraben, einzelne rebellierende Arme, Beine, Gesichter werden aber schnell wieder einfangen, glattgefaltet, einsortiert. In ihren Ohren dröhnt das ...
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Theater heute Jahrbuch 2012
Rubrik: Das Theater mit der Kreativität, Seite 24
von Franz Wille
Jacqueline Bolton Was für eine Herausforderung war es, mit Schauspielern aus unterschiedlichen Theaterkulturen zu arbeiten?
Sebastian Nübling Zum ersten: die Sprache. Wir haben auf Englisch probiert; für mich und für drei oder vier der Schauspieler eine Sprache, die wir durch Popmusik, Filme, Fernsehserien und, vor vielen Jahren, in der Schule gelernt haben. Da wir...
Berlin hat nicht nur die meisten Schauspielhäuser im deutschsprachigen Raum, es hat auch die zwei derzeit besten! Gratulation an Matthias Lilienthals HAU und noch einen Extra-Applaus an Frank Castorfs Volksbühne, die nur knapp dahinter liegt. Aber ist deshalb in Berlin die Theaterwelt in Ordnung? Christine Wahl hat sich genauer umgesehen.
...Über nichts waren sich die Kritiker in diesem Jahr so einig wie über das Ausländische Stück des Jahres: «Three Kingdoms», Simon Stephens’ in enger Zusammenarbeit mit Sebastian Nübling entstandenes englisch-deutsch-estisches Drei-Länder-Stück zum europäischen Sexhandel mit Frauen. 18 Fans vereinte es in einem Boot, 6 mehr als das glatte Dutzend, das sich beim...
