Kreativkatastrophen und andere Höhepunkte
Was für großartige Gestrigkeiten: Elf bieder-korrekte Anzugmänner und Kostümfrauen, ganz Schlips und Bügelfalte mit grauem Hut, tauchen aus den Tiefen der 60er Jahre, weit entfernt von jeder Eleganz, Uniformträger einer untergegangenen Angestelltenkultur aus dem Geist der Vollbeschäftigung, als noch kein Mensch übertrieben originell oder kreativ sein wollte, sondern mit ordentlich stupiden Tätigkeiten in soliden Nine-to-five-Jobs ihre liebenswert spießigen Familien versorgten. Der Begriff Mainstream war noch nicht so geläufig, man hätte sich jedenfalls nichts Böses dabei gedacht.
Aus ihren Mündern pladdert ein dauerndes Gemurmel, zwar angestrengt ausdrucksbemüht, aber trotzdem nicht der Rede wert, nicht einmal der simpelsten Hauptsätze. Helmut Kohl ist später damit Kanzler geworden. An ihren Gliedern zerrt schon der Besonderungs-Drang, ein Rucken und Zucken, Recken und Strecken aus dem schlipsumschnürten Durchschnitts-Innersten, aber weit kommen sie damit noch nicht. Es reißt sie gelegentlich von den Füßen oder schleudert sie in den Bühnengraben, einzelne rebellierende Arme, Beine, Gesichter werden aber schnell wieder einfangen, glattgefaltet, einsortiert. In ihren Ohren dröhnt das ...
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Theater heute Jahrbuch 2012
Rubrik: Das Theater mit der Kreativität, Seite 24
von Franz Wille
Unterschiedlicher könnten die Stücke des Jahres nicht sein: Im deutschen Sprachraum siegt Peter Handkes Geschichtssprachraumdrama «Immer noch Sturm» vor René Polleschs Individualiätsgruppenturnübung «Kill your Darlings!». Das ausländische Stück des Jahres ist Simon Stephens’ internationales Krimipuzzle «Three Kingdoms». Texte, Reden und Gesprächsbeiträge von Thomas...
Anne Nather ist eine junge Autorin, die keine Angst vor Geschichten hat. Menschen finden sich in plötzlich veränderten Situationen wieder und begegnen sich und ihrer Umwelt unter neuen Vorzeichen. Meist ragen Krankheit, Unfälle oder Tod in ihre Texte hinein, die zu dem Versuch zwingen, sich dem Leben in all seinen Widrigkeiten zu stellen.
«Das Weiß an den Rändern...
Die Welt der Eltern ist groß. Es gab die Angst, nicht Herr über das Thema
zu werden. Das Material vermehrte sich, wuchs; die elektronischen Notizbücher mit einer unüberschaubaren Zahl an Links schwollen an, die vielen Zettel und Verweise, ausgelegt auf dem Boden, bereit, zu einem Teppich verwoben zu werden, nahmen viele, zu viele Quadratmeter ein....
