Kettenreaktionen und Resonanz
Manchmal wünscht man es sich heimlich – einfach mal Komplexität reduzieren, einfach mal einfach denken: ja / nein, schwarz / weiß, scharf / mild (doch da fängt es schon an mit der Unschärferelation des Wortsinns: scharf / stumpf, scharf / verschwommen sind natürlich auch denkbare Kontrastpaare, die allesamt im neuen Stück von Nele Stuhler vorkommen). Alles auf schlichte Dichotomien runterbrechen und die gefährlichen Grauzonen mal außer Acht lassen.
Was natürlich nicht geht, schon gar nicht im politischen Kontext und den verzweifelt verfahrenen Krisen-Schnittstellen der Welt – aber auf der Bühne kann man es ja mal ausprobieren, was daraus entsteht, wenn man noch einmal ganz locker von vorne anfängt und dabei die alten Götter Dada, Beckett und Ernst Jandl als Schutzpatrone anruft.
«Da» – «weg» sind die ersten Worte in Nele Stuhlers verbalem Assoziationsparcours mit dem präzise ausufernden Titel «Und oder oder oder oder und und beziehungsweise und oder beziehungsweise oder und beziehungsweise einfach und». Doch keine Sorge, so einfach bleibt es nicht. Schon bald wachsen aus scheinbar simplen Begriffspaaren Gedankenfraktale voll logischer Zacken und Sprünge in unerwartete Richtungen, ...
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Theater heute November 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 28
von Silvia Stammen
Wir sprechen auf einem Boot in der Rummelsburger Bucht, wo die Spree einen großzügigen Seitenarm hinstreckt, als wollte sie Berlin etwas Gutes tun. Es ist gerade noch ein Stück Innenstadt, wo man sich am Ufer auch ohne gewerblichen Schiffsverkehr etwas Erholung gönnen kann. Rund um die Bucht sind aber auch die Neubauten eingeschlagen – begehrter, benötigter...
Neue Stoffe für die Bühne, mal was anderes als die Klassiker, bei denen sich da über die Jahrzehnte und -hunderte zu viel weltbildlicher Staub auf dem Kanon-Rücken angesammelt hat. Na, dann macht mal, muss sich Volkstheater-Intendant Christian Stückl gedacht haben, lässt er die Spielzeit doch von zwei Regisseurinnen mit frischen Stoffen eröffnen: Yorgos Lanthimos’...
Gegensätzlicher könnten die Saisoneröffnungen an den beiden großen Hauptstadtbühnen in diesem Herbst kaum ausfallen: «Stille» ist das erste Wort von Anja Schneider, als sie im «Schiff der Träume» am Deutschen Theater anhebt, vom Untergang der k.u.k-Epoche zu erzählen – vom Schiffbruch einer Opernund Arien-Hochglanzkultur, die sich aus aristokratischem Habitus und...
