Keine Spielwiese für den Intendanten
Zuletzt schieden sich noch einmal die Geister, und dem scheidenden Intendanten widerfuhr die unverhoffte Ehre, von einem erregten Junggroßkritiker einer westdeutschen Tageszeitung abgekanzelt zu werden wie ein Schuldirektor, der seine Aufsichtspflicht verletzt hat. Der Grund: Martin Kušej hatte für die letzte Inszenierung seiner achtjährigen Intendanz am Münchner Residenztheater dem italienischen Regisseur Antonio Latella und dem Dramatiker Federico Bellini die große Bühne überlassen, um sich mit Pier Paolo Pasolini und im Verbund dazu mit Dantes «Göttlicher Komödie» zu befassen.
Herausgekommen ist dabei ein assoziativer Abend, der Kritik und Publikum auf unerwartete Weise polarisiert und dabei nochmal ein Schlaglicht auf die bei aller Gediegenheit, mitunter auch Gefälligkeit, immer wieder dezidierte Offenheit wirft, mit der Kušej sein Haus geführt hat.
Latella, Leiter der Theaterbiennale in Venedig, denkt von den Körpern her, die in einem Raum Spannungen erzeugen und ihnen zugleich ausgesetzt sind. Geschichten lagern sich um Abläufe herum an. Zu Beginn hält ein kleiner Junge einige Minuten lang kickend einen Fußball in der Luft – Wiederholung und Abweichung, bis es nicht mehr ...
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Theater heute August/September 2019
Rubrik: Bilanz Residenztheater, Seite 43
von Silvia Stammen
Die Londoner Theaterlandschaft, einst quasi monolithisch-exklusiv in der Hand weißer Intendanten-Männer, ist seit einiger Zeit im Umbruch. Und die Veränderung nimmt gerade ordentlich Fahrt auf. Natürlich gab es in diesem ausgesprochen unausgesprochenen Testosteron-Territorium auch immer mal wieder Ausnahmefrauen. Aber in einer Hauptstadt, in der 270 Nationen...
Wann fanden dieses Jahr eigentlich die Wiener Festwochen statt? Wer sich im Frühjahr halbwegs aufmerksam durch die Stadt bewegte, konnte diese Frage irgendwann im Schlaf beantworten: «Die Wiener Festwochen finden 2019 von 10. Mai bis 16. Juni statt.» So stand es auf den weinroten Plakaten geschrieben, mit denen die ersten Festwochen unter dem neuen Intendanten...
Hamlets längster Monolog dauert gute 25 Minuten und ist weitgehend stumm: Er kommt dabei von den ganz großen Fragen – «Was ist der Mensch?» – schnell auf seine ganz besondere Frage – «Wie steh ich da?» – und auf sein ganz spezielles Dilemma: «Der Vater umgebracht, beschmutzt die Mutter, Verstand und Blut aufs Äußerste gereizt – und rühr mich nicht.» Und dann steht...
