In Machtarchitekturen

Vom Ende der klaren Hierarchien: Jan Bosse schält am Hamburger Thalia Theater den Entertainment-Kern aus Shakespeares «König Lear» heraus, Julia Redder untersucht Geschlechterverhältnisse in Gillian Greers «Fleisch» am Deutschen Schauspielhaus

Theater heute - Logo

Der alte weiße Mann dankt ab. Allerdings nicht so richtig: Das zentrale Problem in Shakespeares «König Lear» ist, dass der Titelheld zwar die Macht an seine Töchter weitergibt, dabei aber nicht wirklich die Zügel aus der Hand geben will. Kurz versteinern die Gesichtszüge der Töchter Goneril und Regan, als der scheidende Herrscher ausführt, wie er sich seinen Ruhestand so vorstellt: Den Titel «König» will er behalten, er besteht auf einem Hofstaat von 100 Getreuen, und er legt fest, dass er abwechselnd bei den Töchtern wohnen wird.

Es ist interessant, wie Anna Blomeier, Toini Ruhnke und Wolfram Koch diese Schlüsselszene in Jan Bosses Inszenierung am Hamburger Thalia Theater spielen: zurückgenommen, als Ahnung, dass das hier alles den Bach runter -gehen wird. Dass der König darüber hinaus auch noch ein fieses Psychospielchen anfängt, indem er von seinen Nachfolgerinnen Liebesbeweise einfordert (und die dritte Tochter Cordelia kalt abserviert, als sie sich weigert, mit -zuspielen), fällt da kaum noch ins Gewicht. Pauline Rénevier als Cordelia geht einfach ab, als der Vater ihr die Zuneigung entzieht. Sie hat schon verstanden, dass ihre Schwestern keine große Freude mit ihm haben ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von

Weitere Beiträge
Damit das Grauen aufhört

Uns belgischen Frauen ist es nicht möglich, auf einem Kongress über Friedensmöglichkeiten zu diskutieren, bevor dieses Grauen aufhört. Es geht über unsere Kräfte hinaus, mit deutschen Frauen einen Raum zu teilen. Unsere territoriale Integrität muss wiederhergestellt werden, und die Deutschen müssen unser Land verlassen!»

Dass sich die Belgierinnen im Vorfeld des...

Entfesselt

Der Wiener Schauspieler und Komödienautor Ferdinand Raimund (1790–1836) war Nestroys melancholischer Bruder. Von seinen acht Stücken sind drei mehr oder weniger im Repertoire geblieben, vor allem «Der Alpenkönig und der Menschenfeind» mit seiner psychoanalytisch angelegten Dramaturgie wird dann und wann aus der Schublade geholt. Die übrigen Raimund-Dramen aber sind...

Vorschau/Impressum 6/23

Pläne der Redaktion

Ein «Sturm» als Vermächtnis: Peter Brooks letzte Inszenierung «Tempest Project» bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen

Die Wahlen im Herbst werfen ihre Schatten voraus auf die polnische Kulturpolitik. Ein Gespräch mit dem Regisseur Jan Klata

Was wäre heute eine angemessene Pest-Epidemie? Die Klimakrise natürlich, meint Thomas Köck in seiner...