In Machtarchitekturen
Der alte weiße Mann dankt ab. Allerdings nicht so richtig: Das zentrale Problem in Shakespeares «König Lear» ist, dass der Titelheld zwar die Macht an seine Töchter weitergibt, dabei aber nicht wirklich die Zügel aus der Hand geben will. Kurz versteinern die Gesichtszüge der Töchter Goneril und Regan, als der scheidende Herrscher ausführt, wie er sich seinen Ruhestand so vorstellt: Den Titel «König» will er behalten, er besteht auf einem Hofstaat von 100 Getreuen, und er legt fest, dass er abwechselnd bei den Töchtern wohnen wird.
Es ist interessant, wie Anna Blomeier, Toini Ruhnke und Wolfram Koch diese Schlüsselszene in Jan Bosses Inszenierung am Hamburger Thalia Theater spielen: zurückgenommen, als Ahnung, dass das hier alles den Bach runter -gehen wird. Dass der König darüber hinaus auch noch ein fieses Psychospielchen anfängt, indem er von seinen Nachfolgerinnen Liebesbeweise einfordert (und die dritte Tochter Cordelia kalt abserviert, als sie sich weigert, mit -zuspielen), fällt da kaum noch ins Gewicht. Pauline Rénevier als Cordelia geht einfach ab, als der Vater ihr die Zuneigung entzieht. Sie hat schon verstanden, dass ihre Schwestern keine große Freude mit ihm haben ...
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Theater heute Juni 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
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Ella und Kai sind damit beschäftigt, sich gegenseitig davon abzuhalten, endlich auch in den eige -nen vier Wänden mal was Gutes zu tun. Oder besser gesagt: Kai tut so, als würde er sich gerne dem Kind widmen, das seit Kurzem in einem der angrenzenden Räume sitzt und überaus selbstgenügsam vor sich hin malt. Und Ella? Sie lehnt das mit dem Kind ja nicht...
Aus diesem Grab, das ihr Leben ist, kommt Marie nicht mehr heraus. Anfangs lässt sie den Grubensand noch sanft durch die Finger rieseln. Dann versucht sie, sich an den Wänden hochzuziehen, immer wieder, doch der Staub hat sie glatt und unüberwindlich gemacht. Nur Woyzeck schafft es aus dem Erdloch (Bühne Julia Nussbaumer) zum klinisch weißen Haus hinauf, neonkalt...
Ob er die Geschwulst denn nicht bemerkt habe, will Doktor Al Nazri von Paul wissen, während er seinen Kiefer abtastet; normalerweise spüre man eine solche, zumal im Mund - bereich. Dass das mit dem Spüren bei den Kindern des fortgeschrittenen Selbstentfremdungszeitalters ja so eine Sache ist, sei an dieser Stelle einmal dahingestellt. Wichtiger ist, dass jener...
