In Machtarchitekturen
Der alte weiße Mann dankt ab. Allerdings nicht so richtig: Das zentrale Problem in Shakespeares «König Lear» ist, dass der Titelheld zwar die Macht an seine Töchter weitergibt, dabei aber nicht wirklich die Zügel aus der Hand geben will. Kurz versteinern die Gesichtszüge der Töchter Goneril und Regan, als der scheidende Herrscher ausführt, wie er sich seinen Ruhestand so vorstellt: Den Titel «König» will er behalten, er besteht auf einem Hofstaat von 100 Getreuen, und er legt fest, dass er abwechselnd bei den Töchtern wohnen wird.
Es ist interessant, wie Anna Blomeier, Toini Ruhnke und Wolfram Koch diese Schlüsselszene in Jan Bosses Inszenierung am Hamburger Thalia Theater spielen: zurückgenommen, als Ahnung, dass das hier alles den Bach runter -gehen wird. Dass der König darüber hinaus auch noch ein fieses Psychospielchen anfängt, indem er von seinen Nachfolgerinnen Liebesbeweise einfordert (und die dritte Tochter Cordelia kalt abserviert, als sie sich weigert, mit -zuspielen), fällt da kaum noch ins Gewicht. Pauline Rénevier als Cordelia geht einfach ab, als der Vater ihr die Zuneigung entzieht. Sie hat schon verstanden, dass ihre Schwestern keine große Freude mit ihm haben ...
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Theater heute Juni 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
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Wenn das Telefon klingelt, ist der Spaß vorbei. Dann ist Rom in der Leitung, die Pflicht ruft. Immerhin leben Antonius und Kleopatra noch im Zeitalter der Wählscheibenapparate mit Kringelschnur, die Erreichbarkeit bleibt also überschaubar. Sonst würde Shakespeares Plot auch in sich zusammenbrechen, der zwischen Äypten und Rom zwei Welt- und Menschenbilder...
Der Wiener Schauspieler und Komödienautor Ferdinand Raimund (1790–1836) war Nestroys melancholischer Bruder. Von seinen acht Stücken sind drei mehr oder weniger im Repertoire geblieben, vor allem «Der Alpenkönig und der Menschenfeind» mit seiner psychoanalytisch angelegten Dramaturgie wird dann und wann aus der Schublade geholt. Die übrigen Raimund-Dramen aber sind...
«Stell dir vor». Mit diesen Worten beginnt das Stück «die gegangen sind» von Anaïs Clerc und Yazan Melhem. «Stell dir vor, eine Erinnerung», «Stell dir vor, Jahre später», «Stell dir vor, du lebst am Strand in einem Zelt im Dezember». Wie ein Mantra ziehen sich diese Worte durch den Text und bewirken nebenbei zweierlei: Zum einen nähren sie via Vorstellungskraft...
