Im Sog der Zeit
Romane sind unsichtbar. Das bisschen schwarz-weißes Gewimmel auf kleinen Papierbögen ist ja keine ernstzunehmende visuelle Existenz. Ihnen auf der Bühne zur Sichtbarkeit zu verhelfen, halten viele für einen Liebesdienst. Andere sehen darin nur gedankenfaule
Kinosucht und gegenwartsscheue Nostalgie. Beide Vorwürfe gegen Romane auf der Bühne werden in den zwei Kölner Romanadaptionen aufs Korn genommen. Alvis Hermanis’ «Oblomow»: So viel Nostalgie war noch nie. Katie Mitchells «Wellen»: So viel Kino kann keiner. Die beiden Inszenierungen scheuen keine Konfrontation.
Romane haben ein anderes Verhältnis zur Zeit als das Theater. Auf der Bühne zählt die reine Gegenwart. Zwischen Buchdeckeln kann man die Zeit einfangen, ihren Verlauf darstellen. Im Theater kann man sie nur erleben als Folge von Augenblicken. Hermanis hält deshalb die Zeit an, dreht sie zurück, lässt sie erstarren, präpariert eine historische Konserve. Mitchell dagegen verflüssigt die Zeit, löst sie auf, zerstößt, verkrümelt sie zu winzigen Momentpartikeln.
Im Roman spricht einer, im Drama sprechen viele. So war es jedenfalls zu Beginn der Epik. Bis die Welt zu unübersichtlich wurde und der eine Erzähler in viele ...
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Theater heute April 2011
Rubrik: Aufführungen, Seite 26
von Gerhard Preußer
Matthias Lilienthal, 1992–1999 Chefdramaturg an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz unter Frank Castorf, Programmdirektor für «Theater der Welt 2002» in Bonn, Düsseldorf, Köln und Duisburg. Seit September 2003 ist er künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des HAU. Das Regiekollektiv Rimini Protokoll zeigt und erarbeitet kontinuierlich Produktionen am HAU...
Wenn schon «Raum», wie Olafur Eliasson schreibt, «eine sich ständig verändernde Gleichzeitigkeit von bisherigen Geschichten» ist, was ist dann Theater? − Der Modellfall räumlicher Wirklichkeitswahrnehmung? Der diesjährige Show-Room der Freien Szene, das 100-Grad-Festival, steckte voller Raum-Metaphern. Dabei ist 100 Grad selbst ein Großraumexperiment, bei dem im...
Natürlich könnte man jederzeit die Sinnfrage stellen: Wer braucht eine vierstündige
Dramatisierung von Falladas Wirtschaftskrisen-Panorama «Bauern, Bonzen und Bomben», wenn man in dieser Zeit schon 200 bis 300 Romanseiten lesen könnte? Wozu eine Bühnenbearbeitung dieses deutschen 30er Jahre Kleinstadt-Polit-Biotops, wenn sie doch nur ohne weitere Deutungsabsicht...
