Heldenbeschwörung
Dumm gelaufen das. Gleich der erste, dem Papa mühsam abgetrotzte Fronteinsatz des jungen Nachwuchsfeldherrn wird zum Reinfall, der unvorsichtige Königssohn gefangengenommen. Als Geisel droht er zum entscheidenden Minuspunkt im taktischen Verhandlungspoker der verfeindeten Mächte zu werden, und von der Schramme, die er dabei abbekommen hat, wird ihm nicht einmal eine dekorative Narbe bleiben.
Als schwacher Trost stellt sich zwar bald heraus, dass auch der Sohn des gegnerischen Königs Aridäus in Gefangenschaft geraten ist und sich somit ein schneller, strategisch folgenloser Austausch abzeichnet – doch das Unternehmen Unsterblichkeit ist – jedenfalls fürs erste – kläglich gescheitert.
So steht es zu Beginn von Lessings frühem, noch nicht bürgerlichen Trauerspiel «Philotas» aus dem Jahr 1759, in dessen weiterem Verlauf sich die narzisstische Kränkung des Titelhelden zur fixen Selbstmordfantasie auswächst. Um die Verhandlungsposition des Vaters zu stärken, meint er, sich kurzerhand selbst aus der Welt schaffen zu müssen. Dabei ist der törichte Wirrkopf in lichten Momenten durchaus in der Lage, die Fragwürdigkeit seiner pubertären Opferwut zu ahnen: «Möglich zwar genug, daß es im ...
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