Grenzen verschieben
Mein 20-jähriges Ich schreibt in einer Bewerbung an die Studienstiftung des deutschen Volkes: «Ich hoffe, dass Theater politisch und gesellschaftlich wirken kann, weiß es aber nicht. Es geht nicht um eine perfekte Einzelleistung, sondern um das große Ganze, um das gemeinsame Ringen um Wahrheit. Dieses unendliche Bedürfnis, gemeinsam Grenzen zu verschieben.»
Deswegen habe ich mich entschieden, Schauspielerin zu werden.
Ich sehnte mich nach Austausch mit anderen Menschen, wollte den Unsinn, die Krisen dieser Welt in einer absurden Bühnenrealität erforschen, nicht alleine, sondern durch neue Perspektiven meiner Spielpartner:innen, durch neue Worte, Figuren: sprachlich, gedanklich, körperlich. Ich wollte mich nicht abfinden, wollte widerständig sein.
«Grenzen verschieben» – wie leicht ich mir das vorgestellt habe …
Wenn wir in den letzten zwei Jahren über Machtmissbrauch, Diskriminierung, prekäre Arbeitsverhältnisse gesprochen haben, ging es immer um Grenzen, Grenzverletzungen, Kunst und Po -litik, um Kunstfreiheit, das Persönlichkeitsrecht, die Menschen -würde, um Arbeitsweisen, um Ängste, Wut, um unsere Liebe zum Beruf. Die Debatten haben viele Emotionen ausgelöst. Nicht nur bei ...
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Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Transformation, Seite 82
von Cennet Rüya Voss
Fangen wir mit den schwierigen Nachrichten an: 15 Kritiker:innen ist dieses Jahr kein Haus eingefallen, das sie guten Gewissens zum «Theater des Jahres» küren möchten. Ist die Branche erschlagen von pandemiebedingt angestauter Premierenfülle, vielen Ausfällen und Unsicherheiten? Oder ist nach halbwegs überstandenem Corona-Desaster eigentlich jede Bühne ein Sieger?...
Durch #MeToo und Black Lives Matter haben Rassismus und Sexismus in der Gesellschaft eine Aufmerksamkeit bekommen, die es so bislang noch nicht gab. Auch die Theater mussten sich verhalten, haben endlich Gremien und Anlaufstellen entwickelt, was längst überfällig war. Man könnte schon sagen, dass in kürzester Zeit eine neue Kultur des Sehr-schnell-da-Mitgehens...
Die Nachricht, dass ich für «Theater heute» etwas schreiben soll, kommt mir sehr willkommen nach drei Tagen Kostümabgabe-Kampf mit den Italienern, die mich halb verstehen oder so tun, als ob sie mich nicht verstehen würden. Ich habe eine junge Assistentin dabei. Sie möchte Kostümdesign studieren. Ich frage sie, warum? Seit Kurzem habe ich meine übertriebene Sucht...
