Grenzen verschieben
Mein 20-jähriges Ich schreibt in einer Bewerbung an die Studienstiftung des deutschen Volkes: «Ich hoffe, dass Theater politisch und gesellschaftlich wirken kann, weiß es aber nicht. Es geht nicht um eine perfekte Einzelleistung, sondern um das große Ganze, um das gemeinsame Ringen um Wahrheit. Dieses unendliche Bedürfnis, gemeinsam Grenzen zu verschieben.»
Deswegen habe ich mich entschieden, Schauspielerin zu werden.
Ich sehnte mich nach Austausch mit anderen Menschen, wollte den Unsinn, die Krisen dieser Welt in einer absurden Bühnenrealität erforschen, nicht alleine, sondern durch neue Perspektiven meiner Spielpartner:innen, durch neue Worte, Figuren: sprachlich, gedanklich, körperlich. Ich wollte mich nicht abfinden, wollte widerständig sein.
«Grenzen verschieben» – wie leicht ich mir das vorgestellt habe …
Wenn wir in den letzten zwei Jahren über Machtmissbrauch, Diskriminierung, prekäre Arbeitsverhältnisse gesprochen haben, ging es immer um Grenzen, Grenzverletzungen, Kunst und Po -litik, um Kunstfreiheit, das Persönlichkeitsrecht, die Menschen -würde, um Arbeitsweisen, um Ängste, Wut, um unsere Liebe zum Beruf. Die Debatten haben viele Emotionen ausgelöst. Nicht nur bei ...
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Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Transformation, Seite 82
von Cennet Rüya Voss
Wenn ich mich zu diesen Themen als Schauspielerin an einer Staatlichen Bühne äußern soll, komme ich mir eher wie eine Soziologin vor, die sich ihrer eigenen Herkunft, ihres Alters und Geschlechts, ihrer Privilegien in hohem Maße bewusst sein muss! In diesem Sinne hoffe ich, mich möglichst präzise auszudrücken.
Im Kern hat der Großteil der sogenannten...
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