Grenzen verschieben
Mein 20-jähriges Ich schreibt in einer Bewerbung an die Studienstiftung des deutschen Volkes: «Ich hoffe, dass Theater politisch und gesellschaftlich wirken kann, weiß es aber nicht. Es geht nicht um eine perfekte Einzelleistung, sondern um das große Ganze, um das gemeinsame Ringen um Wahrheit. Dieses unendliche Bedürfnis, gemeinsam Grenzen zu verschieben.»
Deswegen habe ich mich entschieden, Schauspielerin zu werden.
Ich sehnte mich nach Austausch mit anderen Menschen, wollte den Unsinn, die Krisen dieser Welt in einer absurden Bühnenrealität erforschen, nicht alleine, sondern durch neue Perspektiven meiner Spielpartner:innen, durch neue Worte, Figuren: sprachlich, gedanklich, körperlich. Ich wollte mich nicht abfinden, wollte widerständig sein.
«Grenzen verschieben» – wie leicht ich mir das vorgestellt habe …
Wenn wir in den letzten zwei Jahren über Machtmissbrauch, Diskriminierung, prekäre Arbeitsverhältnisse gesprochen haben, ging es immer um Grenzen, Grenzverletzungen, Kunst und Po -litik, um Kunstfreiheit, das Persönlichkeitsrecht, die Menschen -würde, um Arbeitsweisen, um Ängste, Wut, um unsere Liebe zum Beruf. Die Debatten haben viele Emotionen ausgelöst. Nicht nur bei ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Transformation, Seite 82
von Cennet Rüya Voss
Eleonore Garazzo lebt allein, arbeitet als Immobilienmaklerin und hat längst finanzielle Unabhängigkeit erreicht. An einem Septembertag entdeckt sie, dass sie eigentlich eine Katze ist. Es ist eine Entdeckung, keine Entscheidung, und später wird sie sagen, dass sie sich das nicht ausgesucht habe. Sie blickt schlicht auf ihr bisheriges Leben zurück und bemerkt, dass...
Fangen wir mit den schwierigen Nachrichten an: 15 Kritiker:innen ist dieses Jahr kein Haus eingefallen, das sie guten Gewissens zum «Theater des Jahres» küren möchten. Ist die Branche erschlagen von pandemiebedingt angestauter Premierenfülle, vielen Ausfällen und Unsicherheiten? Oder ist nach halbwegs überstandenem Corona-Desaster eigentlich jede Bühne ein Sieger?...
Die Menschen sind schlecht, und die Welt ist am Arsch», singt der Sänger Kummer in «Der letzte Song». Es geht darin um die Musik an sich, die in dieser Welt Trost spenden könnte. Um einen Künstler, der gern sagen würde, «das System ist defekt, die Gesellschaft versagt / aber alles wird gut». Es gelingt ihm nicht. Er kann immer nur sagen, was ist, und dass das, was...
