Frankfurt: Zur Hölle mit den anderen

Jean-Paul Sartre «Geschlossene Gesellschaft», nach Lize Spit «und es schmilzt» (U)

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«Die Hölle, das sind – die, die – die anderen.» Da ist es endlich, in der Mitte des Stücks, sein bekanntestes Zitat. Verstammelt, verdruckst. Es klingt fast wie eine Frage, weniger wie eine Feststellung. Denn die Hölle, das ist in der Bühnen-Interpretation von Johanna Wehner, jede*r auch sich selbst. In einem höllisch undurchsichtigen Jenseits führte Jean-Paul Sartre 1943 drei just Verstorbene zusammen, Inés, Estelle und Garcin.

Alle drei sind, als sie auf die Bühne geführt werden, noch sichtlich verfangen in der Welt, die sie gerade verlassen haben, alle drei haben dunkle Geheimnisse und Begierden, die sie voreinander zu verbergen suchen. In der Hölle gibt es keine Folterknechte, die sie zu Geständnissen zwingen, das machen sie unter sich aus: Die Kund*­innen erledigen, wie Inés einmal schön zynisch sagt, die Arbeit selbst, «wie in Selbstbedienungsrestaurants». Nicht nur das klingt überraschend heutig in Sartres selten gespielter «Geschlossener Gesellschaft».

Johanna Wehner hat sie jetzt im Schauspielhaus des Schauspiel Frankfurt inszeniert. Und ihre Inszenierung als eine kritische Lesart des bekannten Bonmots angelegt: als eine Gesellschaft der Vereinzelten, die sich nur um sich ...

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Theater heute März 2020
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Esther Boldt

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