Europäische Großbaustellen
Ob Elfriede Jelinek eigentlich wütend ist? Gute Frage nach 120 Seiten eng bedrucktem «Wut»-Manuskript. Die Schauspielerin Zeynep Bozbay war sich auch nicht ganz sicher und hat vorsichtshalber bei der Autorin nachgefragt. Im Programmheftinterview stellt Jelinek dann klar, sie sei eigentlich immer wütend. Wut sei sogar ihr «Raketenantrieb», um überhaupt zu schreiben, um «eine Art gesellschaftlicher Frustration in eine Aggression des Schreibakts umzuwandeln». Wer so formuliert, hat zumindest seine Frustrationen gut im Griff.
Jelineks jüngster «Schreibakt» (der vollständige Abdruck liegt diesem Heft bei) ist zuallererst ein Kompendium diverser Wut-Ausbrüche mit mörderischem Ausgang von den Anschlägen auf «Charlie Hebdo» und den Pariser Supermarkt, über Dschihadisten-Sprüche und Gotteskrieger-Prediger bis zum Völkermord in Ruanda und dem Amoklauf des rasenden Herkules, dem die Göttin Hera die Sinne verwirrt hat. Eingestreut sind auch weniger gewalttätige Wut-Fälle wie Pegida, AfD, Shitstorms, aufrecht nationalistische Europäer und was sonst noch so an rumpeligen Populismen durch die Medien- und Internetkanäle sickert. Aber sind 120 Jelinek-Seiten über Wut auch 120 Seiten Wut?
Tieffl ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Franz Wille
Bern ist die Hauptstadt der Schweiz, Graz nur die der Steiermark. Von Bern nach Graz zu wechseln, das klingt also nach Abstieg. Ist es nicht, widerspricht Iris Laufenberg, die Anfang der Spielzeit vom Konzert Theater Bern ans Schauspielhaus Graz gewechselt ist. Erstens habe Graz doppelt so viele Einwohner (280.000), und zweitens sei sie hier Intendantin und nicht,...
Es war der Roman mit dem längsten Titel der Saison, und er wurde zur allgemeinen Überraschung mit dem sonst durchaus eher dem leichter Bekömmlichen zugeneigten Deutschen Buchpreis 2015 gekrönt: Frank Witzels «Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969». Auf über 800 Seiten in mannigfaltigen Textsorten reflektiert,...
Ohne Dildo geht fast gar nichts mehr. Die Performerinnen Marja Christians und Isabel Schwenk kaschieren mit geschätzten drei Dutzend dieser knallfarbigen Gummidinger den erschreckenden Leerlauf und die erhabene Plattheit ihrer im feministischen Hoheitsanspruch steckenbleibenden Interpretation von Hebbels «Judith»; Florentina Holzinger schnallt sich einen mächtigen...
