Ein Monster der totalen Aufrichtigkeit
Hamlets längster Monolog dauert gute 25 Minuten und ist weitgehend stumm: Er kommt dabei von den ganz großen Fragen – «Was ist der Mensch?» – schnell auf seine ganz besondere Frage – «Wie steh ich da?» – und auf sein ganz spezielles Dilemma: «Der Vater umgebracht, beschmutzt die Mutter, Verstand und Blut aufs Äußerste gereizt – und rühr mich nicht.» Und dann steht Sandra Hüller tatsächlich da wie ein Schluck Wasser – blass, leicht rückengekrümmt, die Arme teilnahmslos herabhängend – und rührt sich nicht.
Alle anderen Schauspieler gehen ab, das Publikum verschwindet in die Pause, aber Sandra Hüller steht da, sichtlich konzentriert, leicht in sich versunken, und rührt sich weiter nicht. Nach fünf Minuten holt sie geistesabwesend ein Bonbon aus der Hosentasche, schiebt es in den Mund, und bleibt unverändert wie angewurzelt stehen. Wenn es dann nach einer knappen halben Stunde weitergeht, steht Sandra Hüller immer noch regungslos an derselben Stelle, spricht, sobald endlich alle wieder am Platz sind, ihren Monolog seelenruhig ein zweites Mal und geht erst dann ab. Spätestens nach dieser Stelle sind zwei Sachverhalte unmissverständlich geklärt: Erstens tut dieser Hamlet, was er sagt; ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Franz Wille
Die Londoner Theaterlandschaft, einst quasi monolithisch-exklusiv in der Hand weißer Intendanten-Männer, ist seit einiger Zeit im Umbruch. Und die Veränderung nimmt gerade ordentlich Fahrt auf. Natürlich gab es in diesem ausgesprochen unausgesprochenen Testosteron-Territorium auch immer mal wieder Ausnahmefrauen. Aber in einer Hauptstadt, in der 270 Nationen...
Öffnen Sie keine Türen (könnte gefährlich sein)! Sprechen Sie keine Leute in blassgrünen Kitteln an (alle in ihre Arbeit vertieft)! Verhalten Sie sich leise (das Haus ist immer auf Sendung)! Das sind so die Benimmregeln, die der Theatermacher Thom Luz für den szenischen Rundgang namens «Radio Requiem» im stillgelegten Sendestudio auf dem Basler Hausberg, dem...
Ein «Fatzer» ist im Augsburger Dialekt ein Schwätzer, ein Aufschneider. Brecht hat seiner Figur einen wahrlich sprechenden Namen gegeben. Der ichsüchtige Spötter redet und redet und geht doch unter. Er steigt aus dem Krieg aus, ein Deserteur. Lang ist’s her, der Erste Weltkrieg, und lange hat Brecht an diesem Projekt vom «Untergang des Egoisten Johann Fatzer»...
