Ein großes Ego

... das seine Meinung gern für sich behielt: der Großdichter und Opportunist Gerhart Hauptmann, eine Biografie

Theater heute - Logo

Die Nazis wussten, was sie an Gerhart Haupt­mann hatten: einen von allen Bevölkerungsschichten als moralische Autorität und Gewissen der Nation geschätzten Dramatiker, der eine Erfolgsgeschichte vom einfachen schlesischen Gastwirtsohn zum Seher und Priester, vom Monumentalbildhauer zum Großschriftsteller und Wiedergänger Goethes vorzuweisen hatte und dem der Malerfreund Leo König nach dem Kapp-Putsch am 17. März 1920 ernsthaft zur Reichspräsidentschaftskandidatur geraten hatte, um Deutschland mit einem «Willen zur Geistigkeit gegenüber dem Militarismus» zu durchtränken.

Dieser Vorschlag schmeichelte Gerhart Haupt­mann, für Stunden jedenfalls machte er eine neue Person aus ihm, «die ich anders nie kennengelernt hätte». Auch an der Vorstellung, ein «Napoléon de la Paix» zu werden, weidete er sich nur zu gern, weil er wie kein anderer das deutsche Schicksal in sich verkörpert sah. Allein er scheute die unvermeidlichen «Meinungskämpfe» des politischen Alltags, «denen meine Person preiszugeben ich mich nicht entschließen kann». Nur als Dichter und unersättlicher Figurenerfinder fühlte er sich auf gesichertem Boden. Mit selbstbewusster Lebenslust verstand er es nämlich, immer wieder neue ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2013
Rubrik: Magazin: Biografie, Seite 58
von Klaus Völker

Weitere Beiträge
Übers Sprechen sprechen

So ein Andrang war nie. 380 Anmeldungen gab es zur diesjährigen Konferenz der Dramaturgischen Gesellschaft, mehr als doppelt so viel wie erwartet. War es der Tagungsort München, der in diesen klirrekalten Januartagen jederzeit das Ausbüxen zum Skifahren ermöglichte, wie Kulturreferent Hans-Georg Küppers zur Eröffnung schelmisch anmerkte? War es das Ergebnis des...

Kuckucksnest Kosovo

Die Pediküre kann warten. Die Unabhängigkeit nicht.» Der Regisseur maßregelt eine Schauspielerin, die den nächsten Tag mit Kosmetik beginnen will. «Ab neun Uhr wird geprobt, es geht um nationale Interessen!» Ein neues Theaterstück soll entstehen, aus Anlass der Unabhängigkeit des Kosovo. Urplötzlich brach der Auftrag über die staatliche, aber seit Monaten nicht...

Kleiner Mann vorm großen Mann

Der vorletzte Frankfurter Auftritt von Michael Thalheimer war gewichtig. Er begann in der tieferen Finsternis, die sozusagen der natürliche Zustand der riesigen Frankfurter Bühne ist, mit schweren Schritten und Schlagschatten. Die Schauspielerin Josefin Platt setzte donnernd einen Fuß vor den anderen, und jedes Mal knallte der Kothurn. Es war der passende Auftakt...