Dresden: Lokal anschlussfähige Problemhäufung
Die forsche junge PR-Managerin Lia (Gina Calinoiu) hat einen harten Job. Sie will dem Komponisten und Dirigenten Martin Mulde (Moritz Dürr) die nötige Öffentlichkeitsfitness antrainieren, damit der als Galionsfigur und künftiger Chef eines neu zu errichtenden Konzerthauses reüssieren kann. Statt allerdings aufrichtig zu verzweifeln am betagten Künstlergenie, dessen Kulturverständnis solide im 19.
Jahrhundert verankert ist und das auch schon minimale Symptome des Altersstarrsinns aufweist, entwickelt Lia empathisches Verständnis: «Ich glaube an diesen Menschen, weil er kämpft», ruft sie ihrem Chef und Lebenspartner Felix (Thomas Eisen) entrüstet zu, als der moralische Skrupel erkennen lässt.
Die sind durchaus angebracht. Denn wie sich bald herausstellt, ist Herr Mulde auch noch ein schnöder Plagiator, dessen Vorzeige-Alterswerk, die titelgebende «Elbfuge», in Wahrheit von seiner ehemaligen, früh verstorbenen Schülerin Sophie Kamnitz stammt. Deren Geist erscheint in Gestalt von Ursula Hobmair alsbald auf der Bühne und schleicht der Fighterin Lia wechselweise als schlechtes Gewissen und Empowerment-Alter-Ego in Jeans und T-Shirt nach.
Überhaupt ist ziemlich viel los in der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2019
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Christine Wahl
«1938» steht ziemlich unüberlesbar auf der Fassade des Neuköllner Mietshauses, in dem die Theaterautorin Sivan Ben Yishai wohnt. Eine irritierende Datumsangabe: Wie lebt es sich als Jüdin in einem Haus, das im Jahr der Reichspogromnacht erbaut wurde? «Seltsam, oder? Ich dachte immer, vielleicht bin ich zu empfindlich», lacht Sivan Ben Yishai, während sie in ihrer...
Wie verändert die Präsenz der AfD das Handeln von Theater? Das ist im Kern die Frage, wenn man die Vorgänge aus Freiberg rund um eine kleine Buchvorstellung betrachtet, die am 28. März im Zuge der Veranstaltungsreihe «Dialog – Wir haben die Wahl 2019. Was ist zu tun» im dortigen Theater stattfinden sollte. Sollte. Denn auf Druck des Oberbürgermeisters der Stadt...
«Ich habe dieses Buch schneller als irgendein anderes geschrieben: & es ist ein einziger Witz; & doch heiter & schnell lesbar, glaube ich; Ferien eines Schriftstellers», schrieb Virginia Woolf im März 1928 in ihr Tagebuch, kurz nachdem sie «Orlando» beendet hatte. Ein einziger Witz – diese Formulierung könnte auch Katie Mitchell in ihrer Inszenierung an der...
