Doppelte Travestie

Oliver Frljić denkt in der Daimlerstadt Stuttgart George Orwells «Animal Farm» in den Kapitalismus weiter

Theater heute - Logo

Ist George Orwells dystopisches Romanmärchen «Farm der Tiere» theatertauglich? Oliver Frljic hat jetzt am Stuttgarter Schauspiel eine eigene Bearbeitung auf die Bühne gebracht – unseren Zeiten angepasst, das Original eingeschmolzen, den Plot verändert. Der Stoff ist und bleibt so oder so aktuell, keine Frage. Es ist überzeitlich plastisch, wie genau Orwell das wirkungsvolle System von Propaganda in Gestalt von Fake News respektive alternativen Fakten analysiert. Wie unter der wiederholten Torpedierung durch Lügen die Gehirne des drangsalierten Tiervolks langsam weichgekocht werden.

Wissen ist Macht, ist eine altbekannte Weisheit der Aufklärung. Wer nicht in der Lage ist, das zu begreifen, glaubt am Ende sogar, dass zwar alle gleich sind, aber manche gleicher. Den gebildeten und sich weiterbildenden schlauen Schweinen, die nach der revolutionären Entmachtung ihres menschlichen Unterdrückers das Regiment auf der Farm übernommen haben, gehen alle auf den Leim: die Hühner, die Schafe, die Pferde, die Kühe, der Esel. Und sie müssen ackern. Der Aufstand gegen ihren Bauern-Schinder und seine Vernichtung hat ihnen nichts gebracht. Sie bleiben ausgebeutete, drangsalierte Untertanen. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Verena Großkreutz

Weitere Beiträge
Overbehutsamkeit

Es braucht ein besonderes Publikum, damit man solche Dinge veranstalten kann! Ivo Dimchev, ein Veteran des HAU, steuert zum Festival «Love is a Verb» ein musikalisches Best-of bei: «Hell / Top 40» mit urkomischen, anzüglichen, vor Sex strotzenden Songs aus seinem breiten Oeuvre (mit dem er es auf Spotify auf mehrere hunderttausend Zugriffe bringt).

Und weil die...

Vereint getrennt

In der Saison 2022/23 war der Schriftsteller Dmitrij Gawrisch Hausautor bei den Bühnen Bern. Damals hat er Ibsens «Volksfeind» überschrieben: aus der Perspektive einer antretenden Generation, die das toxische Erbe ihrer Vorgänger übernehmen muss (s. TH 3/23). Tochter Petra, gewöhnlich nicht so im Vordergrund, wurde zur modernsten Figur des Dramas, übernahm...

Vom Rand ins Zentrum

Sehr viel haben sie sich vorgenommen – nichts weniger als eine komplett veränderte Definition dessen, was Theater sein kann und sein soll. Dafür aber muss das Theater, wie es ist, zerstört werden – zunächst als Raum: Weg mit den historischen Sälen und der Teilung von Bühne und Zuschauerraum, in Südamerika in der Regel orientiert am alten «Teatro Italiano»,...