Die Wurzelgrabung
In Fjodor Dostojewskis 1866 erschienenem Roman «Schuld und Sühne» begeht der Jurastudent Raskolnikow einen politisch motivierten Mord, dessen krude Gedankenbasis uns Kindern des 20. und 21. Jahrhunderts leider vertrauter ist, als wir das gern hätten. Intellektuell hochbegabt, aber ökonomisch unterprivilegiert, wird Raskolnikow in seiner ärmlich-abgerockten Behausung in Sankt Petersburg bekanntlich von terroristischem Gedankengut befallen und beginnt, im irrigen Dienste eines höheren Menschenideals, berechtigte von unberechtigten Humanexistenzen zu unterscheiden.
Um das «lebenswerte» Leben zu erhalten und zu pushen, sei die Vernichtung des «lebensunwerten» – so Raskolnikows eigentümliches Theorem – den «großen Menschen» unter dieser Sonne mindestens erlaubt, wenn nicht sogar aufgegeben.
Die alte Pfandleiherin Aljona Iwanowna, bei der der junge Mann hoch verschuldet ist und die ihn zu Beginn des Romans (offenkundig wiederholt) demütigt, indem sie über seine schweren Herzens dargereichte Silberuhr die Nase rümpft, gehört in dieser Verhältnisgleichung freilich zur letzteren Kategorie: Raskolnikow klassifiziert die Kopekenfuchserin als «Laus», von deren Tod die Menschheit nur ...
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Theater heute Juli 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 9
von Christine Wahl
SZENE 1 – Niels Monolog
Niels Hallo, guten Abend, mein Name ist Niels Bormann.
Ich möchte mich ganz kurz vorab entschuldigen, dass hier heute ein Stück mit Israelis, Palästinensern und Deutschen stattfindet, das wir schon vor 10 Jahren gemacht haben. Das ist nicht schön. Das tut mir wirklich leid!
Damals an der Schaubühne habe ich damit angefangen, dass ich mich für...
Der arme Michael hatte ja kürzlich gemeinsam mit dem Ingo Premiere an Urvater Olivers Theaterstätte. Ein Klassiker von William über einen schwarz angemalten Mann, der aus Wut darüber, dass er ein Taschentuch findet, seine schöne, jüngere Frau ermordet», lästern Anne Haug und Melanie Schmidli (Projekt Schooriil) in ihrer Theater-Miniatur «Let the Fame Grow». «Früher...
Einen einhelligen Abräumer gab es nicht bei der 15. und mit 14 eingeladenen Produktionen bislang umfangreichsten Ausgabe des Junge-Regie-Festivals «Radikal jung» am Münchner Volkstheater. Dafür eine breite Spanne mehr oder weniger kluger, tiefgründiger, fieser, witziger und überschwänglicher Selbstverortungsversuche – wobei weniger die opulenten...
