Die Vermeidung des Politischen
Natürlich wirkt Eszter not amused, als mitten in der Nacht ihre Schwester Ernella vor der Wohnungstür steht, Mann und Teenie-Tochter inklusive. Schließlich ist es keine zwölf Monate her, dass Ernellas Gatte just auf dieser Türschwelle großspurig von dauerhafter Auswanderung gesprochen hatte: Mindestens zehn Jahre lang bräuchte hier, in Budapest, niemand mehr mit ihnen zu rechnen.
Und jetzt hat sich die rosige Exil-Fantasie schon nach einem knappen Zehntel der Zeit hoffnungslos erledigt: Offenbar ist die schottische Realität steil abgefallen gegen das Wirtschafts- und Sozialparadies, das man sich in seinen sehnsüchtigen Budapester Träumen zurechtgezimmert hatte.
So genau erfährt man das allerdings leider nicht, weil der Theaterabend sich lieber in eine andere Spur wirft. Eszter (Orsolya Török-Illyés) und Ernella (Lilla Sárosdi) erfüllen hier vor allem die gute alte dramatische Funktion des ungleichen (Schwestern-)Paares: auf der einen Seite die neobürgerliche Dutt-Trägerin mit hippem arty touch, auf der anderen die herzhaft Zupackende mit leichtem Drift ins Prollige – die sich denn in Schottland auch sogleich in eine Affäre mit einer deutlich jüngeren Art Pferdeflüsterer gestürzt ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2017
Rubrik: International, Seite 40
von Christine Wahl
Ja, der Islam gehört zu Deutschland, gehört zum Westen. Die etwas weitergehende These müsste lauten: Der Islam gehört sogar so eindeutig zum Westen, dass er als Subkultur nahezu ununterscheidbar geworden ist zum Mainstream. Karin Beier zeigt in ihrer Erstaufführungsinszenierung von Ayad Akhtars «The Who and the What» am Hamburger Schauspielhaus eine...
Neue Stücke
Während am Berliner Gorki Theater Marianna Sasha Salzmann mit «Zucken» noch versucht, die düstere Gegenwart des Dschihadismus zu verstehen, inszeniert von Sebastian Nübling, finden sich im März sonst viele tiefschwarze Zukunftsvisionen. An der Schaubühne entwickelt Angélica Liddell mit «Toter Hund in der chemischen Reinigung: Die Starken» eine...
So sieht der Neuanfang wohl eher selten aus – der Neue wird zunächst mal aufs Kreuz gelegt, nach allen Regeln der Kampf-Kunst. Klaus Figge, dieser letzte Mohikaner in allen Techniken und Tricks des virtuellen und wirklichen «Kämpfens» auf der Bühne, hat Harald Wolff, den gerade frisch gekürten neuen Vorsitzenden der Dramaturgischen Gesellschaft, mit festem Griff...
