Die unsichtbare Macht
Luis Buñuel entlarvte in seinen surrealistischen Filmen oft die bürgerliche Klasse, ihre Konventionen und ihre Selbstbezogenheit. Sein «Würgeengel» von 1962 ist bereits die zweite Bühnenadaption eines Buñuel-Films der Regisseurin Claudia Bauer. Wie bereits 2022 («Der diskrete Charme der Bourgeoisie») inszeniert sie eine Bühnenbearbeitung von PeterLicht und SE Struck, die sprachlich durch eine gehörige Portion Zynismus glänzt und die bedrückende Szenerie erst perfekt macht.
Auf der Bühne des Schauspiel Frankfurt sehen wir eine feine Abendgesellschaft, die sich nach einer Gala bei Leonora (Anna Kubin) und Fred (Sebastian Kuschmann) zusammenfindet und dort Steckrüben dippend ihrer Handlungsunfähigkeit hingibt: Aus unerklärlichen Gründen können weder die Gastgeber:innen noch ihre Gäste das Haus wieder verlassen. Eine unsichtbare Macht scheint sie daran zu hindern, nach draußen zu gelangen.
Im holzgetäfelten Wohnzimmer der Gastgeber:innen werden zu Champagner in «Becherchen» regionale und saisonale Häppchen serviert. Andreas Auerbachs Bühne ist im Gegensatz zu den Kostümen eher schlicht gehalten, sodass sich die viel zu grellen Petticoats, die schrill gemusterten 70er-Jahre-Anzüge und die auftoupierten Frisuren von der Szenerie abheben und fast ein wenig aus der Zeit fallen (Kostüme Vanessa Rust). Neben der «Sofasavanne» aus lose verteilten schwarzen Polstern finden ein Flügel und ein Wandschrank Platz, der im hinteren Teil der Bühne eingebaut ist und im Laufe der Aufführung sowohl als Toilette wie auch als Leichendepot dient. Johann (Hubert Wild) nimmt sich gemeinsam mit Sabrina (Katharina Linder) der musikalischen Unterhaltung an. Beide trällern fröhlich Händel-Opern, während das Dienstmädchen Maria (Julia Preuß) bereits zu ahnen scheint, was sich bald ereignen wird. Auf einem Screen kommentiert sie live und mit einer gewissen Selbstzufriedenheit das Geschehen.
Auf der Bühne gerät die von Leonora beschworene «catastrophe-life-balance» gehörig ins Wanken. Als die Ressourcen knapp werden, übernimmt Maria das Kommando und wird kurzzeitig zur Axt-schwingenden Krisenmanagerin. In Ausrufen wie: «Es ist fünf vor zwölf!» oder «Wir schaffen das!» schwingen vage Anspielungen auf die Klimakatastrophe mit. Die Leute wünschen sich, über den Zeitpunkt, der ein Handeln notwendig mache, informiert zu werden, sehen sich aber außerstande, diesen Zeitpunkt selbst zu bestimmen. Der teils chorisch gesprochene Text wirkt genauso ausgestellt ignorant wie das falsche Dauergrinsen der Gastgeberin oder das leicht entrückte Lächeln von Elise (Lotte Schubert): Hier wird geredet um des Redens willen. Dieses Sprechen übersetzt sich zu keinem Zeitpunkt in eine Handlung, die tatsächlich Veränderung bewirken könnte. Die Figuren in Bauers Inszenierung verdammen sich selbst zur Tatenlosigkeit, so sehr sind sie darauf bedacht, sich nicht gehen zu lassen und einen Zustand wiederherzustellen, der längst der Vergangenheit angehört.
Es gibt kein Zurück. Oder etwa doch? Durch einen Trick schafft es das Ensemble, der Gefangenschaft zu entfliehen: Sie stellen die Szene nach, die sie zu Beginn des Abends schon einmal spielten. Der Abend endet – anders als bei Buñuel – nicht in der Kirche, sondern in der Sauna. Hier scheint die Normalität wiederhergestellt: Maria verteilt Bademäntel und sorgt für das Wohl der feinen Gesellschaft, die bei brütenden Temperaturen auch die letzten Zweifel ausschwitzt. Die vielleicht aber auch wie die sprichwörtlich gewordenen Frösche im Kochtopf gesotten werden, ohne es zu merken. Everything will be fine.
www.schauspielfrankfurt.de
Theater heute März 2024
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Yaël Koutouan
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