Die sprechenden Kulissen des Anthropozäns
Im letzten Kunsterlebnis der Spielzeit fahren wir auf geliehenen Rädern dem Lyriker Stefan Wartenberg hinterher. Er führt uns an von hochsommerlicher Trockenheit gekennzeichnete Ecken im Chemiepark, rund um die Bahngleise und durch den Ortsteil Bitterfeld, um dort «Bergbaufolgelyrik» vorzulesen.
Überall werden verschiedene Zeitschichten sichtbar: verblichene Verse auf einer braungrauen Hausfassade, das Adjektiv «sozialistisch» gerade noch erahnbar, neben einer Photovoltaik-Freiflächenanlage ein von Kletten, Brombeeren und Rainfarn überwuchertes Stellwerk, vermutlich älter als die DDR. Am Rand des Chemieparks halten wir vor einem Showcenter für Wintergärten. Mit Blick auf Kakteen und eine Hausbar hinter Glas liest Wartenberg Wolfgang-Hilbig-Gedichte.
Könnte so das nachhaltige Theater der Zukunft aussehen? Umsonst und draußen, sofern das Thermometer nicht über 38 Grad anzeigt, ohne Heizung, Licht und Mikrofon, vor den sprechenden Kulissen des Anthropozäns mit seinen Gewerbegebieten und Transportrouten, Strommasten und Pipelines, durch die vielleicht bald schon kein Gas mehr fließt? Bitterfeld-Wolfen gehört zu den geschrumpften und fusionierten Städten im Bundesland Sachsen-Anhalt, ...
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Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Risiko, Seite 48
von Eva Behrendt
Es ist Anfang der 2000er, ich bin Anfang 20 und habe einen der begehrten Ausbildungsplätze bekommen. Ich studiere Schauspiel. Ich bin überglücklich. Mir fällt eine Tabelle in die Hände, aus der ersichtlich ist, dass ich trotz eines Studiums weit weniger verdienen werde als andere Leute am Theater, auf und hinter der Bühne. Erstmal egal. Ich brenne für meinen Beruf.
...Fangen wir mit den schwierigen Nachrichten an: 15 Kritiker:innen ist dieses Jahr kein Haus eingefallen, das sie guten Gewissens zum «Theater des Jahres» küren möchten. Ist die Branche erschlagen von pandemiebedingt angestauter Premierenfülle, vielen Ausfällen und Unsicherheiten? Oder ist nach halbwegs überstandenem Corona-Desaster eigentlich jede Bühne ein Sieger?...
Viel hatte die Freie Szene sich vorgenommen nach dem ersten Schock der Pandemie. Ansätze für strukturelle Veränderungen hatte es schon vorher gegeben. Die Missstände waren seit Langem bekannt und die Konzepte, um sie zu bearbeiten, lagen schon in den Schubladen. Nun sollten sie endlich auch umgesetzt werden. Ein Wendepunkt?
Darauf haben wir auch bei den Impulsen...
