Die Sitzenbleiber
Nichts. Nichts geschieht im Klassenzimmer der Sitzengebliebenen. Leichtes Gegrummel, etwas Gestöhne, minimale Bewegungen. Tröpfchenweise werden die Bedeutungspartikel an das Publikum verabreicht. Aber dann kommt doch einiges zusammen. Das Nichtstun führt zu Kapriolen. Plötzlich tönt aus allen Kehlen der Weltverzichtschoral «Weg mit allen Schätzen» (neu gesetzt von Steven Sprengels). Sandra Hüller röhrt die Girlie-Hymne «Girls just wonna have fun» mit beängstigender Lautstärke. Da sind wir dann in den 1980ern.
Aber immer noch weit weg von der Vorlage, von Luis Buñuels Film «Der Würgeengel» von 1962.
Johan Simons’ Theaterversion, eine Koproduktion von Schauspielhaus Bochum und Schauspiel Leipzig, übernimmt die Grundsituation des Films, eine Partygesellschaft kann ohne äußere Hindernisse den Raum nicht verlassen. Schon viele Theaterregisseure haben gesehen, dass dies eine genuine Theatersituation ist. Man kann nicht von der Bühne herunter, aber die Wände sind nur imaginär. Wenn man nur wollte, könnte man, aber man kann nicht wollen. Simons zersplittert Buñuels Dialoge und lässt dazwischen immer wieder Leerstellen. Die zwischengeschalteten Popsongs und protestantischen Kirchenlieder ...
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Theater heute Mai 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Gerhard Preußer
Seine Zeit ist vorbei. Wortlos sitzt ein grau angezogener Mann (Ekkehard Freye) zwischen Zimmerpflanzen in einem gediegen nussbraun vertäfelten Zimmer. Über ihm hängt ein Bild der Heiligen Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, neben ihm ein Arbeitshelm an der Wand: Einst war er stolzer Kumpel der Zeche Prosper Haniel. Vor ihm stehen Blumentöpfe, die er still...
Kammerton a. Der Abend beginnt wie im Konzertsaal. Die Spieler:innen haben sich locker auf der Bühne eingefunden, bei vollem Saallicht, unterhalten sich entspannt, der Keyboarder gibt den Ton vor, das Streichtrio stimmt die Instrumente. Als «Sprachkonzert» wird Sarah Kanes «Gier» gern, etwas verlegen, bezeichnet. Ein Bühnengedicht, das sie auf vier Stimmen C, M, B,...
Es gibt wenige Stücke, mit denen man so wunderbar klarmachen kann, was man sich von der Theaterkunst erhofft, wie Anton Tschechows «Die Möwe» (von 1896). Schließlich kreist die Handlung um einen geradezu exemplarischen Dichterwettstreit: Da haben wir auf der einen Seite den ambitionierten Jungdramatiker Kostja, der sich als flammender Visionär und...
