Die lange Nacht des Kritikers

Günther Rühle ist immer für eine Überraschung gut: In «Ein alter Mann wird älter» denkt er über sich selbst nach

Mit dem berüchtigten ersten Satz, dem voller Skrupel und Selbstzweifel hingeworfenen Einstieg in eine Kritik, hatte Günther Rühle noch nie ein Problem. So auch hier: «Auf einmal machte es RUMS.» Da ist man doch gleich mittendrin und außerdem noch neugierig. Was da gerumst hat, war aber nicht nur die Karosse seines Autos, sondern deutlich mehr. Denn Rühle musste im stolzen Alter von 95 Jahren endlich doch einsehen, dass sein Augenlicht unwiederbringlich verblasst und es Zeit wird, Abschied zu nehmen. Leider nicht nur vom Autofahren, sondern von erheblich Lebenswichtigerem.

 

Die Welt verschwimmt in einem milchigen Nebel, statt langer Spaziergänge nur noch zweimal 1299 Schritte am Tag ums Karree. Wege sind nur noch zu erahnen, die jahrzehntelang gepflegte Bibliothek wird über Nacht nutzlos, die Backofen-Schalter werden zum Geheimnis, die 40 Jahre alte Braun-Stereoanlage ist bald nur noch ein technisches Rätsel, und der Fortschritt auch noch nicht so weit, wie er sollte: Die «Zauberbrille», die angeblich Text erkennen und als Sprache ausgeben kann, funktioniert nur nach eigenem Gutdünken. Damit wäre das Problem im innersten Höllenkreis für einen lebenslangen Zeitungsmann und Kritiker ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2021
Rubrik: Bücher, Seite 67
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Willkommen in der Kompostmoderne

Wäre Covid-19 so tödlich wie die Pest, würde sich wohl noch der verpeilteste Aluhutträger lieber heute als morgen impfen lassen. Man kann die Krankheiten also nur sehr bedingt miteinander vergleichen. Dennoch sind Pest-Romane die Bücher der Stunde; das gilt auch für Mary Shelleys «The Last Man» von 1826, der passenderweise erst Anfang des Jahres in einer neuen...

Deutschland, du mieses Stück Plastik

Fahrstuhlmusik begleitet den Einlass in die Diskothek des Leipziger Schauspiels: Musik, die keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen und Höhenangst nehmen soll. Dabei gibt es dort nichts, was in Unruhe versetzt: In die Bühne ist, den ganzen Raum ausfüllend, eine karierte Plastiktasche gehängt. Der Reißverschluss geöffnet. Auf dem Boden liegt als Fußabtreter ein...

«Trag mir meine Einkäufe»

Schummriges Rotlicht im Zuschauerraum, auf der Bühne ein Setting zwischen Kinderzimmer und Bordell: Vier aufblasbare Plastikraketen bilden eine Art Burgfried, zwei von ihnen tragen umgedrehte Gesichter als Sockel. Männliche? Weibliche? Lässt sich nicht sagen. Im Halbdunkel taucht eine zarte Gestalt mit langer Haarmähne auf, vorne angekommen knickt sie wie unter...