Die Kugel in der Luft

Chris Thorpe «Victory Condition»

Theater heute - Logo

Victory Condition» beginnt mit einem freundlichen «Hallo». Ein Mann spricht mich an, erzählt, was er weiß über mich, über mein Leben mit geliebten Menschen, über Glücksmomente und plötzlich einbrechenden Schrecken, über meine Ängste und mein Vertrauen. Der Mann kennt mich, denn er ist wie ich. 

Nein, er spricht nicht mit mir. Der Mann ist ein Sniper und liegt verborgen in einem zerstörten Gebäude, durch das Zielfernrohr seines Gewehrs sein Opfer betrachtend, mit ihm redend in obszöner Vertrautheit.

Die Regierung hat ihn beauftragt, gegen den Aufstand vorzugehen, der auf der Straße tobt. Bürgerkriegspartikel tauchen auf, Transparente sind zu lesen – und zwischen ihnen eine junge Frau, die telefoniert und raucht, mit den anderen Demonstrant*innen scherzt und lachend der feindlichen Seite deren Spiegelbild vorhält: die bis zu den Zähnen bewaffnete Fratze.

Schnitt. Eine Frau betritt wie jeden Tag ein Großraumbüro mit den allbekannten Trennwänden, nicht zu hoch, nicht zu niedrig, mit Bodendielenimitat und unbarmherzig blau leuchtenden Monitoren. Dort, wo sie wie alle anderen besessen am Design der Welt arbeitet, an den Bildern, die unsere Realität fassen, ersetzen, formen. Doch ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 184
von Angela Obst

Weitere Beiträge
Im Generationenkrieg

Die Dystopie hat die Bühne erobert – als Wiederauflage der Klassiker des Genres, aber auch als aktuelle Fantasie vieler Autor*innen. Zukunftsszenarien werden durchgespielt, deren Verheißungen zumeist dunkel sind. Z.B. wenn es darum geht, wie lange der Vorrat an Luft, Licht, Wasser und Nahrung denn noch reichen wird. Und für wie viele? Reden wir also über...

Wann, wenn nicht jetzt?

Das Theater kann in der aktuellen Wertedebatte um die Begriffe «Heimat» und «Integration» eine besondere Stellung einnehmen. Es kann Haltung beziehen in seiner programmatischen Themensetzung, aber auch soziale Praktiken in seiner eigenen Arbeitsweise vorstellen. 

Schon lange fühlen sich nicht alle Bevölkerungsschichten ins Theater geladen, das ist aber nicht erst...

«Die Händler sind an der Macht»

Theater heute Das letzte Mal haben wir uns ein paar Tage vor Trumps Amtseinführung getroffen ...

Ayad Akhtar ... von heute aus betrachtet, war das noch ein goldenes Zeitalter! Jetzt sind wir mitten in einem Melodram. 

TH Gibt es Melodramen, die gut ausgehen?

Akhtar Kaum. Meine Vorhersage wäre, dass es mit Trump so spektakulär zu Ende gehen wird wie alles andere,...