Die Kugel in der Luft
Victory Condition» beginnt mit einem freundlichen «Hallo». Ein Mann spricht mich an, erzählt, was er weiß über mich, über mein Leben mit geliebten Menschen, über Glücksmomente und plötzlich einbrechenden Schrecken, über meine Ängste und mein Vertrauen. Der Mann kennt mich, denn er ist wie ich.
Nein, er spricht nicht mit mir. Der Mann ist ein Sniper und liegt verborgen in einem zerstörten Gebäude, durch das Zielfernrohr seines Gewehrs sein Opfer betrachtend, mit ihm redend in obszöner Vertrautheit.
Die Regierung hat ihn beauftragt, gegen den Aufstand vorzugehen, der auf der Straße tobt. Bürgerkriegspartikel tauchen auf, Transparente sind zu lesen – und zwischen ihnen eine junge Frau, die telefoniert und raucht, mit den anderen Demonstrant*innen scherzt und lachend der feindlichen Seite deren Spiegelbild vorhält: die bis zu den Zähnen bewaffnete Fratze.
Schnitt. Eine Frau betritt wie jeden Tag ein Großraumbüro mit den allbekannten Trennwänden, nicht zu hoch, nicht zu niedrig, mit Bodendielenimitat und unbarmherzig blau leuchtenden Monitoren. Dort, wo sie wie alle anderen besessen am Design der Welt arbeitet, an den Bildern, die unsere Realität fassen, ersetzen, formen. Doch ...
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Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 184
von Angela Obst
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