Die Frage, wie es gesagt wird
Beim Heidelberger Stückemarkt kann es passieren, dass ein Autor zum ersten Mal sein Werk gesprochen hört.
Philipp Gärtner ist es so ergangen, und als er nach der 40-minütigen Lesung aus seinem Drama «Olm» zum Nachgespräch auf die Bühne kam, sagte er: «Ich glaube, ich bin da hart an der Grenze der Verständlichkeit, vielleicht sollte ich noch mal ausmisten …?» Gärtner, das spürte man, war froh, dass «Olm», in dem es, grob gesagt, um ein Forschungsvorhaben zur Erprobung einer minimalinvasiven Energiegewinnungsanlage und im endlosen Fortgang beim Abstieg in eine Höhle letztlich um die planetare Katastrophe, in dem es also, kurz gesagt, um so ziemlich alles geht – dass dieses wuchtige Stück nicht als fertige Inszenierung zu sehen war, sondern «nur» in einer szenischen Einrichtung. Andererseits konnte er sich jetzt gar nicht mehr vorstellen, dass sein «Lesedrama» überhaupt fürs Theater geeignet ist, weshalb er möglicherweise ja einen Roman daraus machen könnte. Und als die Moderatorin und das Publikum noch wissen wollten, wie er eigentlich auf das komplizierte und ausufernde Thema gekommen war, strich sich der sympathische, etwas verwuschelte Mann durch die Haare und bezweifelte entwaffnend selbstironisch und abschließend, dass es in «Olm» tatsächlich so etwas wie ein Thema gibt. Gärtner verließ die Bühne unter viel Applaus. ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute 6 2022
Rubrik: Festivals, Seite 50
von Bernd Noack
Will ein Theater heute Stücke zum Thema Krieg auf den Spielplan setzen, bieten sich zwei Dramen ganz besonders an. Einerseits die antike Tragödie «Die Troerinnen», in der Euripides nicht die siegreichen Helden des Trojanischen Kriegs, sondern die Frauen der Besiegten sprechen lässt. Andererseits, aus der jüngeren Vergangenheit, «Reich des Todes», in dem Rainald...
Die Holländische Straße in Kassel ist nicht unbedingt das, was man eine schicke Flaniermeile nennen würde. Prosaische Nachkriegsarchitektur dominiert, die vorherrschende Farbe ist mattes Grau, Geschäfte und Wohnhäuser reihen sich schmucklos aneinander. Eine typische Ausfallschneise eben, ohne Flair, ohne Charme.
Im April 2006 erlangte diese Straße traurige...
Sie warnte vor Putin – und musste ins Gefängnis», titelte Ende April die Online-Ausgabe des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel». Gemeint war die US-amerikanische Whistleblowerin Reality Winner, die im Mai 2017 einen fünfseitigen Geheimbericht der NSA über die Einmischung Russlands in den US-Wahlkampf 2016 leakte – während sich Donald Trump, damals Präsident der...
