Die finale Diagnose

Sebastian Hartmann liest Michel Houellebecqs «Vernichten» am Staatsschauspiel Dresden vom Ende her

Theater heute - Logo

Ob er die Geschwulst denn nicht bemerkt habe, will Doktor Al Nazri von Paul wissen, während er seinen Kiefer abtastet; normalerweise spüre man eine solche, zumal im Mund - bereich. Dass das mit dem Spüren bei den Kindern des fortgeschrittenen Selbstentfremdungszeitalters ja so eine Sache ist, sei an dieser Stelle einmal dahingestellt.

Wichtiger ist, dass jener Zahnarztbesuch, mit dem Sebastian Hartmanns Theaterabend «Vernichten» nach Michel Houellebecqs gleichnamigem Roman im

Großen Haus des Staatsschauspiels Dresden einsetzt (jedenfalls auf der sprachlichen Ebene), im Buch erst auf Seite 496 stattfindet – von 628. Und dass auch fast nichts, was man bis dato bei der Lektüre über den Protagonisten Paul Raison erfahren hat, in den folgenden 220 Minuten eine Rolle spielen wird – zumindest nicht im Modus der verbalen Informationsvermittlung.

Pauls Job als Spitzenbeamter im Wirtschaftsministerium inklusive der tristen Dienstwohnungszusammenkünfte beim Minister sowie potentiellem Präsidentschaftskandidaten des Jahres 2027, Bruno Juge, von dem wiederum im Kontext allgemein rätselhafter Terroranschläge täuschend echte Hinrichtungsvideos im Netz kursieren, ist für das Bühnenereignis ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Christine Wahl

Weitere Beiträge
Das innere Kind

Man blickt in das Innere eines schwarzen Müllsacks. Dichte, durchhängende Planen kleiden den Bühnenraum des Gorki aus. Im Sack liegen zwei stilisierte Scheißhaufen, die aussehen, als stammten sie aus einem 3D-Drucker. Fünf androgyne Wesen stolpern etwas unbeholfen hinein. Sie tragen weiß, schwarz, lila, kantige Schulterpolster. In ihren Raumfahrt-Anzügen sehen sie...

Entfesselt

Der Wiener Schauspieler und Komödienautor Ferdinand Raimund (1790–1836) war Nestroys melancholischer Bruder. Von seinen acht Stücken sind drei mehr oder weniger im Repertoire geblieben, vor allem «Der Alpenkönig und der Menschenfeind» mit seiner psychoanalytisch angelegten Dramaturgie wird dann und wann aus der Schublade geholt. Die übrigen Raimund-Dramen aber sind...

Mit dem Fremden aufs Eigene blicken

Am 23. April dieses Jahres ist der Berliner Theaterwissenschaftler Joachim Fiebach im Alter von 88 Jahren gestorben. Von 1995 bis 1998 habe ich bei ihm studiert, danach haben sich unsere Wege nur noch sporadisch gekreuzt. Angesichts seiner mehr als ein halbes Jahrhundert umspannenden akademischen Karriere und einer noch viel länger währenden Beschäftigung mit dem...