Die eiserne Maske

Bertolt Brecht «Die Mutter» am Berliner Ensemble, nach Andrej Platonow «Tschewengur» im Gorki Theater

Noch bevor es richtig losgeht, besteht erhöhter Aktualisierungsbedarf. Sophie Stockinger, später die Darstellerin des jungen Revolutionärs Pawel, entert die Bühne und zitiert feurig einen Aufsatz zur Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung im 21. Jahrhundert aus einer 2003 erschienenen Nummer von «Z – Zeitschrift für marxistische Erneuerung».

Darin wird Marx zwar sanft zu Grabe getragen – sein geschichtsphilosophisches Modell der Revolution des Proletariats hat nun mal erwiesenermaßen nicht funktioniert –, aber der Neoliberalismus produziert genug soziale Ungerechtigkeit, um die Sache des Klassenkampfs weiter zu befeuern. Sprach’s und ging wieder ab.

Erst danach hebt das gute alte Museumsstück an. Schon Brecht hatte 1930 auf Ereignisse und Vorlagen zurückgegriffen, die damals ein Vierteljahrhundert alt waren: die gescheiterte Revolte von 1905/06 und Maxim Gorkis Roman «Die Mutter», die das Hintergrundleuchten der Russischen Revolution literarisch verarbeitet. Station für Station schreitet darin lehrbuchgemäß der Bewusstseinswandel der aufrechten Pelagea Wlassowa voran. Die zarentreue Kleinbürgerin muss miterleben, wie ihr Sohn, der ausgebeutete Fabrikarbeiter Pawel, an den Rand des ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2021
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Wie hältst du’s mit der Religion?

Bei der Frage nach der Kostümbildnerin des Jahres hat sich Katrin Wolfermann schon mal in eine recht gute Position gebracht. Sandra Gerlings Gruschenka trägt in Oliver Frljics Inszenierung von Dostojewskis «Die Brüder Karamasow» am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ein von Wolfermann entworfenes Kleid, irgendwo zwischen Trauerflor und Bondage-Geschirr, und als sie...

Alles wagen

Hatten seit Beginn der Intendanz von Shermin Langhoff jemals zwei Schauspielerinnen, weiß wie Schneeflocken, die Bühne für sich allein, begleitet nur von einem ebenfalls weißen Harfenisten? Das Team um die erstmals am Maxim Gorki Theater inszenierende Regisseurin Leonie Böhm hat den Bruch mit der postmigrantischen Normalität am Haus dick unterstrichen: Svenja...

Mehrzweckraum des Grauens

Die Kunst des intelligenten Trollens besteht darin, das Gegenüber so zu reizen, dass es sich selbst diskreditiert. Im Netz klappt das prächtig, manchmal unfreiwillig. Beispiel Twitter: Man kann dort einen Hamburger Innensenator als «Pimmel» bezeichnen, was zunächst nicht so intelligent klingt. Heißt dieser Andy Grote und reagiert die ihm  unterstellte Polizei auf...