Der Übergriff als Kunst und Wirklichkeit
Kennengelernt habe ich Volker Spengler vor 45 Jahren, Mitte der 70er Jahre in Frankfurt, und es war erst mal furchtbar. Wir trafen uns zufällig in einer Kneipe am Eschenheimer Tor, wo uns ein alter Freund, der Bühnenbildner Peter Schlösser, bekanntmachte. Volker hielt mich für schwul, wie er vermutlich alle männlichen Wesen für schwul hielt. Seine Übergriffigkeiten waren zumindest nach heutigen Maßstäben völlig unmöglich, ich war zehn Jahre jünger als er und passte offenbar in sein Beuteschema. Aber auch das ist schon Quatsch. Denn es passten ja alle.
Bei Volker herrschte strenge Gleichbehandlung! Ein erotischer Griff an den Hintern oder gleich in den Schritt war vollkommen selbstverständlich. Das Sich-Outen der Homosexuellen hatte damals gerade erst begonnen, der Paragraf 175 war noch nicht lange abgeschafft. Als katholisch erzogener Provinzknabe hatte ich zwar auch schon einiges erlebt, aber diesen unverblümten Aktionen von Volker stand ich doch einigermaßen hilflos gegenüber – zwischen Entrüstung, Lachen und den scheiternden Versuchen, irgendwie schlagfertig zu reagieren. Ich wollte auch nicht prüde sein und wurde jedesmal in eine Verwirrung gestürzt, die ich zu überspielen ...
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Zum Schluss winkt Medea mit ihrer neuen Familie ins Publikum, nicht triumphierend, sondern – so scheint es zumindest – ganz einfach glücklich. Mit Aigeus, dem König von Athen, hat sie zwei Töchter, ungefähr so alt wie die beiden Söhne, die sie eine Szene vorher sanft und sachlich erstochen hat. Ihr ist gelungen, was auch ihr Ex Jason vorhatte, ein neues Leben...
Sie ist eine literarische Ikone des 19. Jahrhunderts. «Madame Bovary», die schmerzhaft unbefriedigte, kitschroman- und kaufsüchtige Landarztgattin, deren Tod aus Enttäuschung von Gustave Flaubert in so kalte, klare Worte gefasst wurde, dass einem beim Lesen das Blut in den Adern gefriert. Ein Roman, der in seiner literarischen Emanzipiertheit die Bühne nicht...
Emulie weiß nicht so recht, wie ihr geschieht. Die Zehnjährige ist Gast einer schrecklich netten Familie, deren Papa so Sachen sagt wie: «Ich habe den Obdachlosen im Fernsehen brennen sehen, ein paar Ausländer haben ihn angezündet. Ich hoffe, sie waren gut integriert.» Und die Gastmama lächelt die Ängste ihres Gastkindes derart gefühllos weg, dass man sie sich auch...
