Der Übergriff als Kunst und Wirklichkeit

Ein Nachruf auf den Schauspieler Volker Spengler, von einem, der ihn fast 50 Jahre an den verschiedensten Theaterstationen begleitet hat: von Rainer Werner Fassbinder und dem Frankfurter TAT über Einar Schleef und das Berliner Ensemble der 90er Jahre bis zu Christoph Schlingensief und Frank Castorfs Volksbühne

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Kennengelernt habe ich Volker Spengler vor 45 Jahren, Mitte der 70er Jahre in Frankfurt, und es war erst mal furchtbar. Wir trafen uns zufällig in einer Kneipe am Eschen­heimer Tor, wo uns ein alter Freund, der Bühnenbildner Peter Schlösser, bekanntmachte. Volker hielt mich für schwul, wie er vermutlich alle männlichen Wesen für schwul hielt. Seine Übergriffigkeiten waren zumindest nach heutigen Maßstäben völlig unmöglich, ich war zehn Jahre jünger als er und passte offenbar in sein Beuteschema. Aber auch das ist schon Quatsch. Denn es passten ja alle.

Bei Volker herrschte strenge Gleichbehandlung! Ein erotischer Griff an den Hintern oder gleich in den Schritt war vollkommen selbstverständlich. Das Sich-Outen der Homosexuellen hatte damals gerade erst begonnen, der Paragraf 175 war noch nicht lange abgeschafft. Als katholisch erzogener Provinzknabe hatte ich zwar auch schon einiges erlebt, aber diesen unverblümten Aktionen von Volker stand ich doch einigermaßen hilflos gegenüber –  zwischen Entrüstung, Lachen und den scheiternden Versuchen, irgendwie schlagfertig zu reagieren. Ich wollte auch nicht prüde sein und wurde jedesmal in eine Verwirrung gestürzt, die ich zu überspielen ...

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Theater heute April 2020
Rubrik: Nachruf, Seite 28
von Carl Hegemann

Vergriffen
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