Bochum: Beobachtete Mitesser

Harold Pinter «Asche zu Asche», Eduardo de Filippo «Samstag, Sonntag, Montag»

Theater heute - Logo

Wie wird man Darsteller oder Darstellerin ohne etwas oder jemanden darzustellen? Am besten als Zuschauerin oder Zuschauer. Wen oder was stellt der Zuschauer dann dar? Sich selbst als Zuschauer. Nur der Modus des Beobachtens wird thematisiert. Verschiedene Methoden der Verwechslung von Schauschauer und Zuspieler zeigt das Bochumer Schauspielhaus mit zwei kleinen Projekten: Harold Pinters «Asche zu Asche» und Eduardo de Filippos «Samstag, Sonntag, Montag». Einmal tiefschürfend tragisch, einmal oberflächlich komisch.

 

Pinters kurzer Text ist eigentlich kein Drama, eher ein dialogisches Langgedicht. Ein Mann befragt seine Frau nach Erinnerungen an Vergange­nes. Dabei bleibt alles unscharf, verschwimmt, die Frau weicht aus. Es gab irgendwann einen Liebhaber, es gab Träume, Beobachtungen. Bilder werden deutlich, ohne gedeutet zu werden. Aber dennoch werden Zusammenhänge ahnbar: private und politische Gewalt. War der Liebhaber aggressiv? War er Organisator einer Fabrik mit Zwangsarbeitern oder gar mit der Selektion in einem Vernichtungslager beschäftigt? Im englischen Original heißt es, er sei ein «guide» gewesen, im Deutschen ist das viel deutlicher: ein «Führer». 

Pinter war politisch ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2020
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Gerhard Preußer

Vergriffen
Weitere Beiträge
Parodie zwecklos

Manchmal schreibt das Leben Geschichten, die sich auch eine Literaturnobelpreisträgerin nicht besser ausdenken könnte. Die «Ibi­za-Affäre» ist so ein Fall: Ein österreichischer Rechtspolitiker, der dabei gefilmt wird, wie er in einer spanischen Ferienvilla bei Unmengen von Zigaretten und Wodka Red Bull einer vermeintlichen russischen Oligarchennichte das halbe Land...

Wien: The Good, the Bad and the Hans

Sollte Ihnen der österreichische Politiker Hans Kudlich (1823–1917) kein Begriff sein, ist das keine Schande. Der Mann, nach dem in Wien noch zu Lebzeiten eine Gasse benannt wurde, ist auch in seiner Heimat in Vergessenheit geraten. Trotzdem hat Thomas Köck die historische Figur jetzt schon zum zweiten Mal zum Titel­helden eines Stücks gemacht. Kudlich war jüngster...

Die Dialektik der kulturellen Aneignung

Es gibt Stücke, die erzählen vom Erwachsenwerden aus der Perspektive von Kindern. Auf einer Videoprojektion ist ein junges Mädchen im Indianerkostüm zu sehen, eine Aufnahme des israelischen Fernsehens. Es verziert den deutschen Ausdruckstanz des letzten Jahrhunderts mit rituellen Bewegungen. Wir sehen an der Berliner Volksbühne: deutsche Tanzgeschichte als...