Der geballte Charme des Genozids
Gar nicht so einfach, das Leben als adelige Jeunesse doree im Petersburg des frühen 19. Jahrhunderts. Die ganze Nacht tanzen und Konversation machen, auf mindestens drei angesagten Bällen, Empfängen, Theatervorstellungen aufschlagen, für jeden das passend elegante Wort finden, maximal geistreich scheinen bei reichlich beschränkter Wissensbasis. Dazwischen Liebschaften am laufenden Band mit behüteten höheren Töchtern oder den unterbefriedigten Ehefrauen des gerontokratischen Hochadels, immer unter erhöhtem Duellrisiko mit Waffen aus der Steinzeit des Bleigießens.
Keinen Morgen vor fünf ins Bett, schlafen bis in den frühen Nachmittag, nicht unter drei Stunden Garderobe, Mittagessen am frühen Abend. Dazu ständige Geldsorgen, die nur zu lösen sind, wenn man sie vollständig ignoriert. Was für ein Stress. Die Lebenserwartung war entsprechend knapp, Puschkin starb mit 38.
Sein «Eugen Onegin» ist ein plaudernd dahinperlendes Erzählgedicht in acht Kapiteln mit je circa 50 Strophen à 14 frei gereimten Zeilen in vierhebigen Jamben. Das lyrische Soufflee und sein sanft ironischer Ton haben Literaturgeschichte geschrieben, zeitgenössische Kritiker priesen seinen Realismus, zumal der Autor ...
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Theater heute Februar 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Franz Wille
Früher war mehr Lametta und sowieso alles besser. Auf solch seelenstreichelndes Geseufze mag sich zurückziehen, wer in der Gegenwart keinen Halt mehr findet und mit der Zukunft schon abgerechnet hat. Doch die Zeit bleibt nicht stehen – und auf einmal sind uns die in die Jahre gekommenen Rückwärtsgewandten verwandter, als wir wahrhaben wollen: Sie faseln längst...
Paulus Manker, Schauspieler und Theatermacher vor allem in Wien, ist seit dem umfassenden, mit Bildmaterial und Dokumenten reichlich ausgestatteten sowie kompetent kommentierten Theaterbuch über seinen Vater Gustav Manker auch ein passionierter Theaterhistoriker. Ihn treibt die Frage, ob Theaterleute, die 1933 nicht gezwungen waren, ins Exil zu gehen, nur...
Per Geburtsdatum sind Anja Hilling, 1975 im Emsland geboren, und Oliver Kluck, 1980 auf Rügen, Fachleute für die Generation der Anfang- bis Mitt-30er, so genannte «Generationenporträts» sind ihre Spezialität. An denen herrscht zur Zeit auch am Büchermarkt kein Mangel: «Wir haben (keine) Angst» nennt Nina Pauer ihr Buch, in dem sie ihre Alterskohorte auf die Couch...
